|
Fortgeschrittene
Yoga-Übungen
Haupt-Lektionen
< vorherige
|
nächste >
Lektion 139 – Dynamisches Jalandhara – Die Kinnpumpe
Autor: Yogani
12. März 2004
Für neue Mitglieder: Es wird empfohlen, am
Anfang des Archivs oder bei der Erklärung der Meditationstechnik zu
beginnen, da die Kenntnis vorheriger Lektionen Voraussetzung für das
Verständnis dieser Lektion ist. Die erste Lektion ist die
Lektion 10 „Warum diese Erörterung?". Die Meditationstechnik wird in
Lektion 13 "Meditation - Wecken der ruhenden Saat"
eingeführt.
Mit der Meditation und der Wirbelsäulenatmung schaffen wir eine globale
Hausreinigung des Nervensystems. Gleichzeitig stimulieren wir die
göttlichen Energien in uns und bringen sie in ein Gleichgewicht. Diesen
wundervollen globalen Übungen haben wir eine Reihe von Mudras, Bandhas und
Asanas hinzugefügt, die bestimmte Gebiete des Körpers – oben wie unten –
gezielt behandeln. Mit Kumbhaka (Atemanhalten) in Yoni Mudra haben wir die
Kundalini und den Fluss von Prana im Wirbelsäulennerv und darüber hinaus
stark angeregt. Dann fügten wir Nauli hinzu und begannen zielgerichtete
Übungen, die Kundalini noch mehr von der Beckenregion durch den Bauch und
in Richtung Herz nach oben bringen sollen.
Nachdem wir mit dem allem genügend Erfahrung gesammelt haben, sind wir
bereit, uns gezielt mit dem Energiefluss zwischen Herz und Kopf zu
beschäftigen. Dies ist das Hoheitsgebiet des dynamischen Jalandhara. Wir
haben das statische Jalandhara Bandha bei Gelegenheit von Yoni Mudra
Kumbhaka (Lektion 91) gelernt; konkret ist dies ein
Sinkenlassen des Kinns in Richtung Brust, bis es seine angenehme Grenze
erreicht. Nun nutzen wir das auf eine mehr dynamische Weise. Die Wirkung
davon ist die Stimulation der Prana-Bewegung zwischen Herz und Kopf. Ich
nenne dies die “Kinnpumpe“, weil Prana durch diese Übung zwischen Herz und
Kopf nach oben und wieder nach unten gepumpt wird, wie Du das nicht für
möglich halten würdest. Es ist eine wirkliche Reinigungs- und
Energiestimulationsübung für den oberen Körper und den Kopf.
Mit der Kinnpumpe nehmen mir noch eine neue Kumbhaka Übung in unsere
Meditationssitzung hinein. Wie wir das genau einbauen, besprechen wir
später. Jetzt gehen wir zunächst genauso vor, wie wir dies bei Yoni Mudra
Kumbhaka tun – außer, dass wir die Finger weder an den Augen, noch an der
Nase benutzen. Wir wollen, dass sich der Kopf frei herumbewegen kann.
Auch dieselben Richtlinien wie sie bei Yoni Mudra bezüglich der Übungen,
die man bereits sicher und gut beherrschen sollte, und der
Gesundheitsprobleme, die möglicherweise durch das Atemanhalten
verschlimmert werden könnten, gelten hier. Du solltest inzwischen auch
alle Aspekte von Yoni Mudra Kumbhaka genauso gut und sicher beherrschen,
bevor Du es mit der Kinnpumpe versuchst. Eine zusätzliche
Vorsichtsmaßnahme für die Kinnpumpe ist, dass Du keinerlei Probleme am
Nacken oder Kopf haben solltest, die durch das Herumbewegen des Kopfes
verschlimmert werden könnten.
Wir sitzen also in Siddhasana und atmen wie bei der Wirbelsäulenatmung von
der Wurzel aus durch den Wirbelsäulennerv hinauf zum Punkt zwischen den
Augenbrauen ein und halten den Atem, indem wir die Luftröhre in der Kehle
auf dem gewöhnlichen Weg mit Hilfe des Kehldeckes schließen. Dann sind wir
also in Mulabandha, Uddiyana, Sambhavi und Kechari und schauen mit unserer
Aufmerksamkeit durch das dritte Auge, genauso, wie wir dies bei Yoni Mudra
Kumbhaka tun. Bei der Kinnpumpe ruhen unsere Hände locker auf unseren
Knien oder Oberschenkeln.
Jetzt beginnen wir unseren Kopf langsam nach links zu rotieren, dann nach
hinten, dann rechts und dann lassen wir ihn in einer schnelleren
stürzenden Bewegung nach unten auf die Brust „fallen“, fegen über den
untersten Punkt von rechts nach links und kommen auf der linken Seite des
Kreises wieder nach oben, werden wieder langsamer, dann wieder herum,
lassen ihn wieder fallen und immer so weiter. Wir beschreiben also – mit
Ausnahme des schnelleren Fallens/Nach-unten-Sausens zur Brust von rechts
nach links – mit unserem Kopf einen langsamen Kreis. Wir machen mit dieser
kreisförmigen Kopfbewegung weiter, wenn wir bereit sind, unser Kumbhaka an
der angenehmen Grenze herauszulassen und gehen mit unserem Atem die
Wirbelsäule zurück nach unten. Auch beim Wiederauffüllen, wenn wir den
Wirbelsäulennerv mit unserem Atem nach oben verfolgen, lassen wir unseren
Kopf sich derart weiterbewegen. Dann, wenn wir die Lungen wieder
aufgefüllt haben, machen wir die Rotation des Kopfes in die andere
Richtung, so dass wir dann von links nach rechts fallen bzw. fegen, wenn
wir zur Brust nach unten gehen. Wir machen in dieser Art mit angehaltenem
Atem weiter, bis wir ausatmen und wieder einatmen. Dann, wenn wir wieder
angefüllt sind, tauschen wir wiederum die Richtung der Kopfbewegung, u.s.w.
Wir rotieren mit einem vollständigen Kumbhaka Atem nach links und mit dem
nächsten Kumbhaka Atemzug nach rechts und immer so weiter. Wir wechseln
die Richtung des Kopfkreisens bei jedem Mal, wenn wir wieder vollständig
mit Luft angefüllt sind. Dies ist die Kinnpumpe.
Lass uns nun über einige weitere Einzelheiten sprechen: Anfangs, beim
Erlernen, begrenzen wir die Atemzüge auf vier. Später, wenn es angenehm
damit läuft, können wir auf die Verwendung der Uhr umstellen und die Übung
für fünf Minuten durchführen und schließlich – mittels Anwendung der
üblichen Selbstabstimmung – bis zu zehn Minuten ausdehnen. Die Kinnpumpe
machen wir gleich nach der Wirbelsäulenatmung und unmittelbar vor der
Meditation. Führen wir die Kinnpumpe in unsere Routine ein, dann
verschieben wir unser Yoni Mudra Kumbhaka an das Ende unserer Übungen,
d.h. nach der Meditation und vor der abschließenden Ruhephase. Yoni Mudra
Kumbhaka führen wir genau gleich aus wie zuvor. Wir verlegen sie nur an
eine andere Stelle in unserer Routine. Dann haben wir also Kumbhaka mit
der Kinnpumpe vor der Meditation und Kumbhaka mit Yoni Mudra nach der
Meditation. In dieser Zusammenstellung liegt große Kraft.
Die Kinnpumpe wird sich anfänglich klobig anfühlen. Du wusstest schon,
dass dies der Fall sein würde, nicht wahr? Man muss sich etwas daran
gewöhnen. Doch dieses Daran-gewöhnen ist die Mühe wert. Wir zwingen uns zu
nichts. Nie gehen wir über den angenehmen Bereich von Bewegungen unseres
Nackens hinaus. Wir machen es langsam und achten darauf, dass wir nicht
verspannen. Mit anhaltender Übung wird sich die Reichweite unserer
Kopfbewegung schrittweise ausdehnen. Im Laufe der Zeit kann unser Kinn
nahe an unsere obere Brust herankommen oder sie sogar berühren, wenn wir
nach unten stürzen. Doch habe damit keine Eile. Vielleicht kommen wir auch
niemals so weit hinunter und das ist auch vollkommen in Ordnung. Wie bei
allen Yoga-Übungen gehen wir niemals über die Grenze des Angenehmen
hinaus. Beginne immer mit einer kleineren Bewegung des Kopfes und lass es
sich auf natürliche Weise und allmählich während einer Sitzung zu dieser
angenehmen Grenze ausdehnen. Damit funktioniert die Kinnpumpe von Beginn
an optimal. Vielleicht bemerkst Du einige Geräusche oder Empfindungen in
deiner Brust, wenn Du die Kinnpumpe ausführst. Dies ist normal. Es kann
sich wie ein Pochen anhören oder sich wie ein Zermalmen anfühlen hinter
dem Brustbein. Auch dein Nacken kann ein bisschen knirschen. Das ist auch
normal. Unannehmlichkeit ist jedoch nicht normal. Verspürst Du also etwas
davon in irgendeiner Form, dann nimm gleich die nötigen Anpassungen vor.
Übertreibe es mit der Kinnpumpe nicht. Es braucht etwas Zeit, bis man sich
dazu aufgebaut hat. Sei also sehr vorsichtig und wende Selbstabstimmung
an. Stelle sicher, dass Du in Deinem angenehmen Bereich der Bewegungen
bleibst. Denke daran, dass wir alle anderen angegebenen Mudras und Bandhas
während des Kinnpumpen-Kumbhakas weiterhin anwenden. Und natürlich sitzen
wir während der gesamten Routine in Siddhasana, solange wir bequem darin
bleiben können.
Was könnten wir als Ergebnis des dynamischen Jalandhara, d.h. der
Kinnpumpe, erleben? Hast Du bereits einige aktive Kundalini-Energie in
Deinem Körper, etwas Prana, das sich in Deinem Nervensystem bewegt, wird
die Kinnpumpe zwei Dinge bewirken. Erstens wird sie Prana stark hinunter
in die Herzgegend bringen, wo es sich mit dem Prana verbindet, das durch
den Bauch von der Beckenregion nach oben steigt. Dies sind zwei
verschiedene Formen von Prana, die durch die energetische Polarität in
unserem Körper charakterisiert sind. Zweitens bringt die Kinnpumpe das
vereinigte Prana vom Herzen in großen Mengen zurück nach oben in den Kopf.
Ist Kundalini im Körper aktiv, wird sich der Kopf anfühlen, als würde er
mit vitaler Lichtessenz voll gepumpt. Jeder Hohlraum des Kopfes wird sich
aufhellen. Auch in den Nebenhöhlen können diese Empfindungen auftreten.
Das kann sich etwas sonderbar anfühlen, doch geht die Sonderbarkeit bald
vorüber. Ist Kundalini im Körper noch nicht sehr aktiv, wird die Kinnpumpe
– zusammen mit all den anderen Mitteln, die wir anwenden – ihre Erweckung
erleichtern. Alles steht miteinander in Verbindung. Es ist nur eine Frage
der Zeit, weil so viele Aspekte des Nervensystems stimuliert werden.
Anfänglich kann es zu einigen Nebeneffekten der Kinnpumpe kommen. Sie
sollten nicht lange anhalten. Etwas Benommenheit kann auftreten,
vielleicht auch ein leichter Kopfschmerz oder Energieströme, wie sie
vorher noch nicht im oberen Teil des Körpers und des Kopfes erlebt wurden.
Es ist eine kraftvolle Übung und wir greifen damit nach einem Durchbruch
zu einer höheren Ebene des Funktionierens in unserem Nervensystem. So kann
es einige Schlaglöcher in der Straße geben. Aus diesem Grund ist es
vielleicht gut, wenn Du Deine erste Übung mit der Kinnpumpe auf ein
Wochenende legst, an dem Du weniger Verpflichtungen hast. Geh methodisch
vor und übertreibe es nicht. Wenn irgendwelche Symptome unangenehm werden,
nimm die Übung sofort zurück und gib Dir Zeit zur Erholung. Dann kannst Du
später wiederkommen und es von neuem versuchen – langsam. Halte Deine
Grenzen in Ehren und wende Selbstabstimmung an. Bei der Kinnpumpe ist
Selbstabstimmung sehr wichtig. Mit dieser Übung bewegen wir eine Menge an
Energie nach oben durch die Kanäle, in denen Energie in diesen Mengen
vorher noch nicht war. Und wir befassen uns mit feinen Komponenten unserer
Anatomie – unserem Nacken und Kopf. Wollen wir die Erleuchtung, dann
müssen wir die Türe aufstoßen, so dass die spirituellen Energien, die sich
in unserem Inneren regen, ihre natürliche neurobiologische Funktion finden
können. Die Kinnpumpe ist ein kraftvoller Weg, die Türen zwischen dem
Herzen und dem Kopf zu öffnen.
Wenn wir mit der Kinnpumpe täglich weitermachen, werden wir im Lauf der
Zeit eine Stärkung in unserer Brust, unserem Nacken und Kopf feststellen.
Es ist eine spirituelle Stärkung, wenn das Prana durch uns auf
eindrucksvollen neuen Wegen fließt. Unser Herz wird erfüllt von einer
kraftvollen und greifbaren Liebe. Unsere spirituell-visionäre Kraft wird
verstärkt. Das dritte Auge ist ein direkter Empfänger für den ansteigenden
Energiefluss. Das Gleiche gilt für die Krone. Es fühlt sich sehr gut an,
wenn die Energie sich auf gesunden Wegen in den höheren Bereichen des
Körpers bewegt. Auch eine physische Stärkung geht mit der Nutzung der
Kinnpumpe einher. Es sind damit also viele Vorteile verbunden und deshalb
ist es eine Übung, die es sich sehr lohnt zu erlernen und mit der Zeit zu
verfeinern. Fange nur langsam damit an und baue es ganz schrittweise auf.
Beenden wir unsere Sitzung mit dem dynamischen Jalandhara, werden wir uns
energetisiert fühlen und vielleicht wünschen, uns eine oder zwei Minuten
Zeit zu lassen, uns in die Meditation zu begeben. Es ist mehr eine
pranische Energetisierung als eine physische, auch wenn nach einem
mehrminütigen Kumbhaka mit dem derartigen Herumgehen des Kopfes beide da
sein können. Nimm Dir also ein paar Minuten Zeit, um Dich für die
Meditation zu beruhigen. Vielleicht beginnst Du also erst einige Minuten
später und fängst mit dem Mantra an, sobald Du die Notwendigkeit dazu
fühlst. Stelle sicher, dass Du mit dem Mantra ohne Anstrengung
entsprechend der ursprünglichen Anweisung beginnst und folge wie immer der
einfachen Vorgehensweise der Meditation. Wir gehen von der hohen
pranischen Energetisierung zur tiefen Stille. Der Mix aus diesen beiden
ist sehr mächtig und es wird zu einer anderen Art von Erfahrung in der
Meditation kommen. Die höchste Art der Kultivierung mit dem
Kinnpumpen-Kumbhaka vermählt sich mit der höchsten Stille der tiefen
Meditation. Eine neue Art der leuchtenden Fülle wird in unserem
Nervensystem geboren und das wird uns hinaus in unsere täglichen
Aktivitäten begleiten. Wir werden dann sowohl zur stillen Glückseligkeit
als auch zur ekstatischen Ausstrahlung, die gleichzeitig da sind.
Dies verwandelt sich in ekstatischer Glückseligkeit!
Der Guru ist in Dir.
< vorherige
|
nächste > |