|
Fortgeschrittene
Yoga-Übungen
Haupt-Lektionen
< vorherige
|
nächste >
Lektion 150 – Samyama-Übung
Autor: Yogani
29. März 2004
Für neue Mitglieder: Es wird empfohlen, am
Anfang des Archivs oder bei der Erklärung der Meditationstechnik zu
beginnen, da die Kenntnis vorheriger Lektionen Voraussetzung für das
Verständnis dieser Lektion ist. Die erste Lektion ist die
Lektion 10 „Warum diese Erörterung?". Die Meditationstechnik wird in
Lektion 13 "Meditation - Wecken der ruhenden Saat"
eingeführt.
Meditation ist ein Prozess, bei dem man die Aufmerksamkeit nach Innen zur
Ruhe, der inneren Stille, reinem Glückseligkeitsbewusstsein, dem Zustand
des Zeugen, Samadhi bring. All das beschreibt Aspekte ein und derselben
Sache. Wir haben eine besondere Vorgehensweise für die Meditation, die wir
für eine vorgegebene Zeit zweimal am Tag durchführen. Das funktioniert wie
ein Uhrwerk und mit der Zeit, wenn wir täglich meditieren und danach
hinausgehen, aktiv zu sein, gewöhnt sich unser Nervensystem auf natürliche
Weise daran, innere Stille zu erhalten und auszustrahlen. Unser tägliches
Leben wird dann aus dem Inneren heraus ruhiger. Wir werden von äußeren
Ereignissen weniger überwältigt. Dies ist das Aufkommen der ersten Stufe
der Erleuchtung, die dem Vorhandensein innerer Stille in unserem Leben 24
Stunden 7 Tage die Woche entspricht.
Haben wir einmal innere Stille, wenn auch nur ein wenig, dann können wir
beginnen, von dieser Ebene eines unendlichen Potentials in uns aus zu
operieren. Alles, was existiert, ist daraus manifestiert und wir, die wir
das sind, sind fähig von diesem unendlichen Reservoir des Lebens aus zu
manifestieren. Haben wir also unsere Zehe erst einmal im Unendlichen,
können wir beginnen, unsere Transformation zur Erleuchtung damit zu
beschleunigen. Das ist einfach zu bewerkstelligen.
Du erinnerst Dich vielleicht daran, dass wir in der Meditation einen
Gedanken an einen Laut ohne Bedeutung, das Mantra, nutzen, um dem Verstand
systematisch zu erlauben, in die Stille zu gehen. Man lässt alle
Bedeutung, Sprache oder intellektuellen Inhalte los und ergreift nur den
Gedanken an das Mantra, der in der Lage ist, tief in reines
Glückseligkeitsbewusstsein einzutauchen. Das Nervensystem geht mit dem
Verstand ebenso in die Stille und unser Stoffwechsel verlangsamt sich.
Bei Samyama fangen wir an, den anderen Weg zu gehen. Nachdem unsere
Meditationszeit vorüber ist, ruhen wir ein oder zwei Minuten und wir gehen
in Samyama über. Wir beginnen mit einem einfachen Zustand des
Nicht-Denkens, bei dem wir nur in unserer Stille ruhen. Steigen Gedanken
hoch, lassen wir sie einfach ziehen, ohne auf sie irgendwie einzugehen.
Bei der Samyama-Übung gehen wir auch nicht auf das Mantra ein. Wir
beginnen damit, nichts außer das lockere und leichte Sein in unserer
Stille zu favorisieren, wie viel Stille wir auch von unserer gerade erst
beendeten Meditationssitzung und aufgrund unserer Jahre und Monate
täglicher Meditation natürlich gegenwärtig haben. Stille ist der
Ausgangspunkt von Samyama.
Die einzige Voraussetzung für die Samyama-Übung ist das Vorhandensein von
ein wenig innerer Stille. Für die meisten Menschen ist das nach wenigen
Monaten täglicher tiefer Meditation, wie sie in den frühen Lektionen
beschrieben wurde, der Fall.
Nun sind wir bereit, mit der Samyama Übung zu beginnen. Man macht das auf
folgendem Weg:
Mit Samyama führen wir in die Stille Bedeutung ein. Wir tun dies auf eine
einfache, leichte und systematische Weise. Zuerst schaffen wir einen
Impuls für Bedeutung in der Stille. Dann lassen wir es in die Stille
gehen.
Lass uns mit „Liebe“ beginnen. Das ist ein guter Ausgangspunkt für den
Beginn mit Samyama. Wir schlagen vor, dass Du bei Samyama Deine intimste
Form von Sprache verwendest, die Sprache, die am tiefsten in Dein Herz
dringt, wie immer das aussehen mag.
In Deiner lockeren Stille greife – nur einmal – das unschärfste Gefühl des
Wortes ‚Liebe’ in Deiner eigenen Sprache auf. Sprich es nicht mit Absicht
klar aus und ruf auch nicht mentale Bilder dieser oder jener Szene oder
Situation hervor, die für Dich Liebe repräsentiert. Habe nur eine schwache
Erinnerung an Liebe und lass es dann in Deine Stille gehen, in die lockere
Stille, in der Du Dich befindest, wenn Du die undeutliche Bedeutung von
Liebe aufgreifst. Denke nicht über Liebe nach und analysiere sie auch
nicht während Samyama. Denke überhaupt nicht daran. Komm nur einmal in
einer undeutlich subtilen Art zu ihm und lass es dann in die Stille gehen.
Wir gelangen zu einem subtilen Gefühl der Liebe, zu nichts mehr und dann
lassen wir es los – einfach so.
Nachdem Du „Liebe“ einmal gedacht hast, sei für ungefähr 15 Sekunden in
der Stille. Sollten irgendwelche Gedanken kommen, lass sie locker und
leicht ziehen. Schau nicht auf die Uhr. Mit ein bisschen Übung wird Dir
Deine innere Uhr mit ausreichender Genauigkeit verraten, wann fünfzehn
Sekunden vorüber sind. Sei einfach für rund eine viertel Minute locker und
leicht in der Stille. Greif dann das schwache, undeutliche Gefühl von
„Liebe“ wieder auf und lass es wieder für ungefähr 15 Sekunden in Deine
Stille gehen.
Das sind zwei Wiederholungen von Samyama – das zweimalige Aufgreifen von
Liebe auf ihrer subtilsten Ebene des Gedankens und das zweimalige
Gehenlassen in die innere Stille.
Welche Wirkung hat dies? Was geschieht?
In dem Maß, in dem wir an der Grenze zur inneren Stille (der feinsten
Ebene des Denkens) Bedeutung aufnehmen und sie dann locker und leicht in
unsere Stille gehen lassen, wird die Wirkung sehr kraftvoll sein. Innere
Stille ist ein riesiger Verstärker subtiler Gedanken. Innere Stille ist
der einzige Verstärker von Gedanken. Sie ist die Quelle von Gedanken.
Gewöhnlicherweise kommen unsere Gedanken aus der Stille, angeregt durch
alles, was in unserem unterbewussten Geist festsitzt. So viele
Gewohnheitsmuster sitzen in unserem gehemmten unterbewussten Denken und
dies ist es, was den Fluss der göttlichen Energie aus unserer inneren
Stille in unser tägliches Leben stört und schwächt. Mit Meditation räumen
wir die Hindernisse in unserem unterbewussten Verstand aus und entwickeln
eine klare Bewusstheit unserer inneren Stille. Mit Samyama wirken wir
direkt in unserer inneren Stille zur Erzeugung eines Überflusses an
positiven Effekten, welche das Nervensystem und die Umgebung auf mächtige
Wege reinigen.
Beim Samyama fühlen wir vielleicht, wie sich etwas Energie aus unserer
inneren Stille herausbewegt. Das kann als physisch, mental und emotional
erfahren werden. Oder vielleicht fühlen wir nicht viel, bis wir später
aktiv sind und merken, dass wir dann aus keinem erkennbaren äußeren Grund
liebevoller und mitleidvoller sind. Wir verwandeln uns aus dem Inneren
heraus. Das ist Samyama: Absichten, die sich aus der göttlichen Ebene der
Stille in uns hinaus in äußere Manifestation bewegen.
Samyama ist das, zu was das Gebet wird, wenn es zur tiefsten Ebene der
Kommunion mit dem Göttlichen in unserem Inneren genommen wird – wenn es in
die göttliche innere Stille genommen wird. Effektives Gebet basiert auf
den Prinzipien von Samyama, die wir hier diskutieren.
Jeder Gedanke bzw. jede Bedeutung, die wir in Samyama verwenden, nennt man
„Sutra“. In Sanskrit bedeutet Sutra: „zusammenbinden oder heften“. Der
medizinische Fachausdruck im Englischen, „suture“ (Naht) leitet sich von
Sutra ab. In Samyama sind Sutren kleinste Einheiten von Bedeutung, die wir
in grenzenloses reines Glückseligkeitsbewusstsein geben, damit es sich in
das tägliche Leben hinaus ausdehnt, damit es unser äußeres und inneres
Leben „zusammenbindet“. Sutren sind also kleinste Einheiten von Yoga, die
wir durch die Samyama-Übung in uns bewusst kultivieren können.
Im dritten Kapitel oder Buch von Patanjalis Yoga Sutren zu übernatürlichen
Kräften werden viele Sutren für viele verschiedene Dinge gegeben. All
diese Informationen gibt es nicht zum Erhalt sofortiger Ergebnisse oder
Kräfte. Damit wäre niemandem auf seinem Weg zur Erleuchtung gedient. All
diese Kräfte wären nur eine große Ablenkung vom Yoga, könnten sie so
leicht erreicht werden. Wie in der letzen Lektion erwähnt, ist Samyama
glücklicherweise in moralischer Hinsicht eine sich selbst regulierende
Übung, was heißt, dass innere Stille (Samadhi) die Vorraussetzung für den
Erfolg von Samyama ist. Ist innere Stille da, wird auch moralische
Verantwortlichkeit und moralisches Verhalten (Yama und Niyama) vorhanden
sein, weil all die Glieder des Yoga miteinander verbunden sind.
Samyama setzt innere Stille (Samadhi) und die Fähigkeit, einen Gedanken
aufzugreifen (Fokussieren/Dharana) und ihn nach innen gehen zu lassen
(Meditation/Dhyana) voraus. Dann kommen die Ergebnisse aus der inneren
Stille automatisch hervor. Haben wir die letzten drei Glieder des Yoga,
dann haben wir auch die anderen Glieder. Die aus Samyama gewonnenen Kräfte
sind also ihrem Zweck nach göttlich. Auch wenn dies so ist, sollten wir
uns – wie immer - über den Unterschied zwischen Erfahrungen und Übungen
klar sein und darauf achten, dass wir nicht von Erfahrungen, die sich
einstellen, gefangen genommen werden. Stellen sich Erfahrungen ein, kommen
wir locker zu der Übung zurück, die wir gerade tun.
Wie dies für alle fortgeschrittenen Yoga-Übungen gilt, stellen sich die
wahren Vorteile durch Samyama erst nach lang anhaltender täglicher Übung
mit einer bestimmten Routine von Sutren ein. Ändern wir die Sutren jeden
Tag oder jede Woche, und machen wir unsere Übungen unregelmäßig, werden
sich die Wirkungen nicht aufaddieren. Wollen wir beim Brunnengraben auf
Wasser treffen, tun wir gut daran, immer an derselben Stelle in die Tiefe
zu graben. Bei den fortgeschrittenen Yoga-Übungen können wir nach jeder
Meditationssitzung Samyama anschließen, bevor wir noch in Yoni Mudra
Kumbhaka gehen (falls wir es an dieser Stelle ausführen) und unserer
Ruhephase am Ende. Samyama ist eine Fortsetzung unserer Meditationsübung.
Zuerst gehen wir mit Meditation hinein und kommen schließlich mit Samyama
wieder heraus.
Zu diesem Zweck wird hier eine ausgeglichene Reihe von neun Sutren
vorgegeben. Wir schlagen vor, dass man jede für zwei Samyama-Zyklen
durchführt, d.h. zweimal mit jeweils rund 15 Sekunden in der Stille für
jedes Sutra und dass man in der vorgegebenen Reihenfolge so durch die
Sutren hindurchgeht. In wenigen Tagen wird man sie im Gedächtnis haben und
es wird einfach sein mit Nutzung der Samyama-Methode durch sie
hindurchzunavigieren und mit jeder Sitzung allmählich immer tiefer zu
gehen. Die Sutren lauten:
Liebe
Ausstrahlung
Einheit
Gesundheit
Stärke
Überfluss
Weisheit
Nach innen gerichtete Sinnlichkeit
Akasha – Leichtigkeit von Luft
Jedes Sutra wird mit den 15 Sekunden der Stille danach als Einheit
genommen. Z.B. ist „Nach innen gerichtete Sinnlichkeit“ ein einzelnes
Sutra, dem 15 Sekunden der Stille folgen. Das steht für Pratyahara, dem
Nach-innen-richten-der-Sinne. „Akasha – Leichtigkeit von Luft“ ist
ebenfall ein einzelnes Sutra, an das sich 15 Sekunden Stille anschließen.
Die Bedeutungen der Sutren kannst Du – wie oben bereits erörtert – in
Deine Muttersprache oder Deine tiefste Sprache übertragen. Das gilt für
alles, außer „Akasha“, was für das Sanskritwort „feinster Äther, innerer
Raum“ steht. Von der Physik wissen wir, dass wir Äther sind, leerer Raum
im Inneren: hier ist überhaupt nichts Festes. Unser Körper ist das und
wenn wir Samyama über „Akasha – Leichtigkeit von Luft“ praktizieren,
beginnen wir uns sehr leicht zu fühlen.
Wenn Du jede dieser neun Sutren in Deiner Samyama-Sitzung zweimal machst,
wird es ungefähr fünf Minuten in Anspruch nehmen. Fühlst Du, dass es nötig
ist, für ein bestimmtes mehr zu tun, dann nimm das an das Ende hinzu und
mache damit Samyama für weitere fünf Minuten. Der Zyklus bleibt weiterhin
15 Sekunden und wir machen damit einfach fünf Minuten lang weiter. Diese
fünf Minuten messen wir mit der Uhr ab. Hast Du keine anderen Vorlieben,
kannst Du das Sutra der Leichtigkeit am Ende für fünf Minuten machen. Es
ist sehr kraftvoll, eine mentale Kundalini-Technik, die viel Energie durch
unser Nervensystem nach oben bringt. Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn
wir während Samyama mit dem Sutra der Leichtigkeit physische Symptome wie
Hecheln (automatisches Bastrika-Pranayama) und ein „Gehoppel“ erfahren.
Geschieht dies, stelle sicher, dass Du auf einer weichen Unterlage, z.B.
einer Matratze sitzt. Auch mit den anderen Sutren können verschiedene
Symptome auftreten. Wir bewegen die unendliche innere Stille in uns.
Deshalb können die daraus hervorgehenden Manifestationen real und merklich
sein. Patanjali nennt diese Manifestationen „übernatürliche Kräfte“ oder
„Siddhis“.
Für jene, die von Bhakti für die Erleuchtung nur so strotzen, können die
Wiederholungen von Samyama auf vier für jedes Sutra erhöht werden und
anschließend zehn Minuten mit einem bevorzugten Sutra am Ende (dabei ist
das Leichtigkeits-Sutra das vorgegebene). Das sind dann ungefähr 20
Minuten der Samyama-Übung. Stelle sicher, dass Du Dir genügend Zeit für
das Ausruhen nimmst, wenn Du aus Deiner Routine von Übungen herauskommst,
besonders, wenn Du Samyama machst. Sich am Ende für fünf oder zehn Minuten
hinzulegen, ist gut. Wende wie immer bei Deinen Übungen Selbstabstimmung
an. Mentale Techniken wie Meditation und Samyama sind sehr kraftvoll.
Übertreibt man dabei, lädt man sich unangenehme Energieflüsse ein. Jeder
wird seine angenehme Grenze durch vorsichtige Selbstabstimmung finden.
Samyama stärkt unsere Gegenwart in der Stille des reinen
Glückseligkeitsbewusstseins. Es fördert die Integration der inneren und
äußeren Aspekte des Nervensystems. Samyama regt das Nervensystem zur
Reinigung und Öffnung zum zweiten und dritten Stadium der Erleuchtung an
und verstärkt auch unsere innere Stille (erstes Stadium) im täglichen
Leben. Samyama macht die allgemeine Kraft unserer Wünsche viel stärker.
Wollen wir etwas erreichen, das sich im Einklang mit dem göttlichen Fluss
befindet, wird der Widerstand viel geringer sein und die Hindernisse
werden sichtlich wegschmelzen.
Für jene, die in der Stille des reinen Glückseligkeitsbewusstseins leben
und die Gewohnheit entwickeln, auf natürliche Weise von dieser
unbegrenzten Ebene des Lebens aus zu funktionieren, wird ein ständiger
Strom „kleiner Wunder“ zur Normalität.
Führe die Übung des Samyama für einige Monate nach Deiner Meditation durch
und sieh selbst. Samyama ist mehr, als eine sitzende Übung. Es ist ein Weg
des Denkens und Handelns, der in unser tägliches Leben kommt, während wir
auf der Straße zur Erleuchtung reisen.
Der Guru ist in Dir.
< vorherige
|
nächste > |