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Lektion 55 – Mulabandha – Stimulation des sexuellen
Energieflusses nach oben
Autor: Yogani
23. Dezember 2003
Für neue Mitglieder: Es wird empfohlen, am
Anfang des Archivs oder bei der Erklärung der Meditationstechnik zu
beginnen, da die Kenntnis vorheriger Lektionen Voraussetzung für das
Verständnis dieser Lektion ist. Die erste Lektion ist die
Lektion 10 „Warum diese Erörterung?". Die
Meditationstechnik wird in Lektion 13 "Meditation -
Wecken der ruhenden Saat" eingeführt.
Nun sind wir bereit einige neue Übungselemente unserer
Pranayamapraxis hinzuzufügen. Das heißt: zum Schreiben und zum Lesen
sind wir das. In Bezug auf deine tatsächliche Praxis wird das in großem
Maße von deinem Zeitplan abhängen. Vielleicht willst du zur Wiederholung
die Lektion 38: „Was ist dein Zeitplan?“ noch mal durchlesen.
Jeder Mensch ist verschieden und du solltest nur dann neue Übungen in
dein Programm mit aufnehmen, wenn du genügend aufnahmebereit dazu bist.
D.h. du solltest in deiner gegenwärtigen Pranayama- und
Meditationsroutine gefestigt sein und dich darin wohl fühlen, bevor du
neue Techniken in Angriff nimmst. Wenn du es gerade so hinkriegst und
damit beginnst, wirst du sehr bald herausfinden, ob du dich übernimmst.
Das ist aber in Ordnung. Wenn du herausfindest, dass du zu früh zu viel
auf dich genommen hast, geh einfach zu einem angenehmen Übungsgrad
zurück und versuche es später noch einmal. Stell dann für dich einen
Übungsweg mit mehr Abstufungen zusammen. Es passiert also nichts. Der
amerikanische Präsident, Teddy Roosevelt, sagte: „Ein Mann muss seine
Ziele über seine Reichweite hinaus stecken.“ Offensichtlich gilt das
auch für Frauen. Auf diese Weise machen wir Fortschritte. Aber bring
dich dadurch nicht um Kopf und Kragen. Setze deinen gesunden
Menschenverstand ein und nimm nur das auf dich, was du in einem
vernünftigen Zeitraum auch verdauen kannst. Das Wissen wird da sein,
sobald du dafür bereit bist.
Es muss hier betont werden, dass die Übungen, die wir besprechen, nicht
empfohlen werden, wenn nicht täglich sowohl Pranayama als auch
Meditation praktiziert wird. Wenn du sie ohne Pranayama und Meditation
versuchst, wirst du nicht viel Nutzen daraus ziehen. Obendrein, kann es
dir passieren, dass du in ein ganz falsches Fahrwasser gelangst.
Das vorausgeschickt, werden wir uns nun eine Übung, Mulabandha genannt,
genauer ansehen. Mulabandha heißt übersetzt „Wurzelverschluss“. Diese
Worte erwecken eine viel stärkere Vorstellung, als was die Übung
tatsächlich ist. Alles was wir hier tun, ist sanft. Du könntest sagen,
es ist ein sanftes Zureden. Wir wollen unser Nervensystem sanft dazu
überreden, auf einer höheren Ebene zu funktionieren. Wir wollen es aber
nicht erzwingen.
Mulabandha ist ganz einfach. Doch es wird etwas Zeit brauchen, sich
daran zu gewöhnen. So ziemlich allen fortgeschrittenen Yoga-Übungen, die
wir in Angriff nehmen, müssen durch eine klobige Phase gehen, in der sie
sich sonderbar anfühlen, bis wir uns in ihnen eingenistet haben. So ist
es aber mit den meisten Dingen im Leben, die wir zum ersten Mal
ausprobieren. Wir müssen mit fast allem Neuen durch eine klobige Phase
gehen. Erinnerst du dich noch daran, wie es war, als du das erste Mal
einen Computer angekurbelt hast? Dann weißt du, was mit klobig hier
gemeint ist.
Bei Mulabandha sitzen wir in Pranayama, wie wir das immer tun. So
sitzend spannen wir leicht unseren Anusschließmuskel an und halten die
Spannung – aber, locker, d.h. kaum jenseits der Absicht in die physische
Wahrnehmung. Was wollen wir tun? Die Gewohnheit entwickeln, diese
leichte Anspannung des Anusschließmuskels die ganze Pranayamasitzung
hindurch zu halten. Zur selben Zeit, während wir das tun, spannen wir
und ziehen oberhalb des angespannten Anusschließmuskels hoch durch das
Becken und in unseren unteren Bauch. Dabei gibt es nur eine geringe
physische Bewegung, gerade ein bisschen jenseits der Absicht, nur
soviel, wie für die Aneignung einer physischen Gewohnheit nötig ist.
Später wird die leichteste Absicht ausreichen die sexuelle Energie im
Flug nach oben zu senden. Wir beginnen hiermit eine neue Sensitivität im
Beckenbereich zu entwickeln. Wie bereits in früheren Lektionen
diskutiert, zieht Pranayama das Prana in Folge eines biologischen
Prozesses, der mit der sanften Beschränkung des Sauerstoffs im Körper zu
tun hat, aus dem Becken nach oben. Wir unterstützen nun dieses
aufsteigende Prana mit etwas direkter Stimulation und verstärken dadurch
ihren Fluss nach oben.
Mulabandha ist ein physisches Manöver, das schnell zur Gewohnheit wird.
Anfangs wird unsere Aufmerksamkeit zur sexuellen Empfindung, welche
dadurch hervorgerufen wird, hingezogen. Das wird einige Zeit lang
ablenken, ist aber normal. Die aufgewühlte sexuelle Energie mag anfangs
genau so viel nach unten gehen wollen, wie sie nach oben gehen will. Das
ist auch normal. Wir fahren einfach wie gewöhnlich mit unserer
Pranayamaübung fort, indem wir ungezwungen unsere Wirbelsäulenatmung
favorisieren. Das bewegt die Energie in unserem Wirbelsäulennerv nach
oben und nach unten. Mit der Zeit werden wir weiter oben angenehme
Empfindungen wahrnehmen und der Fall, dass Energie während dem Pranayama
nach unten geht, wird selten und schließlich überhaupt nicht mehr
auftreten. Wie lange wird das dauern? Tage? Wochen? Monate? Das hängt
vom Übenden ab. Es wird beim Üben und entsprechend dem individuellen
Verlauf der Reinigung im Nervensystem auftreten.
Manchmal während Pranayama werden wir feststellen, dass sich die
Spannung von Mulabandha löst. Das ist in Ordnung. Wenn wir das bemerken,
setzen wir ganz einfach diese Anspannungsintention und fahren mit
unserer Atmung durch die Wirbelsäule fort. Das gelegentliche Entspannen
und Anspannen ist normal und hat einen eigenen Namen, „Asvini Mudra“.
Wir machen das jetzt nicht mit Absicht. Es wird ganz von selbst
geschehen. Mit der Zeit wird eine sehr feine wellenartige Bewegung ganz
natürlich in der Beckenregion und darüber auftreten Damit verbunden ist
ein großes Wohlgefühl und innere Leuchtkraft. Wenn sexuelle Energie
durch den Körper nach oben zirkuliert, entsteht von selbst ein neuer
Wirkmechanismus – eine neue Biologie. Wir initialisieren das mit diesen
fortgeschrittenen Yoga Übungen. Sobald das einmal in Gang gesetzt ist,
erhält es sich von selbst im Körper – sowohl während als auch außerhalb
der Übungen. Auf diese Weise kommen wir dazu, anhaltende Ekstase zu
erfahren.
Das ansteigen einer angenehmen Empfindung ist gut. Es zeigt das
natürliche Aufkommen eines inneren biologischen Funktionierens an. Wir
fahren mit unseren Übungen fort wie zuvor und bemerken, wie immer mehr
Behagen mit ihrer Ausführung verbunden ist. So läuft das ab.
Meditation nach Pranayama ist so wichtig wie eh und je. Während der
Meditation machen wir keine der Übungen mit Vorsatz, welche wir während
dem Pranayama machen. Wenn wir während der Meditation feststellen, dass
wir uns in Mulabandha befinden, favorisieren wir das nicht und drängen
es auch nicht ab. Wir kehren ganz einfach wieder zu dem Mantra zurück.
Wir wollen unsere Meditation so einfach und rein wie möglich halten –
nur das einfache Verfahren der Mantranutzung. Du wirst vielleicht einen
Wandel in den Erfahrungen während der Meditation bemerken, da nach dem
Pranayama mehr ekstatische Energie natürlich durch den Körper fließt.
Ekstase ist nur eine Sache mehr, welche während der Meditation auftreten
kann, so wie Gedanken, Gefühle und physische Empfindungen. Wir
favorisieren ganz einfach das Mantra, wir lassen es feiner werden und
verschwinden, immer und immer wieder. Das wird die aufsteigende sexuelle
Essenz nur noch angenehmer im subtilen Nervensystem machen. Die
Meditation wird auch immer effektiver werden, wenn das reine
Glückseligkeitsbewusstsein zunimmt und sich innerhalb der ekstatischen
Energien, die durch das Nervensystem rauschen, ausdehnt und es
durchdringt. Das ist äußerster Genuss!
Lass uns aber jetzt nach oben zum anderen Ende des Wirbelsäulennervs
gehen, zum Punkt zwischen den Augenbrauen und dort etwas machen. Ob du
es glaubst oder nicht, das hat auch etwas damit zu tun, den Aufstieg der
sexuellen Energie anzuregen.
Der Guru ist in dir.
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