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Lektion 56 – Sambhavi – Öffnung des dritten Auges

 

Autor: Yogani
26. Dezember 2003

 
Für neue Mitglieder: Es wird empfohlen, am Anfang des Archivs oder bei der Erklärung der Meditationstechnik zu beginnen, da die Kenntnis vorheriger Lektionen Voraussetzung für das Verständnis dieser Lektion ist. Die erste Lektion ist die Lektion 10 „Warum diese Erörterung?". Die Meditationstechnik wird in Lektion 13 "Meditation - Wecken der ruhenden Saat" eingeführt.
 

In der letzten Lektion haben wir Mulabandha besprochen, womit man den Wirbelsäulennerv (Sushumna) in der Nähe des unteren Endes stimuliert, um dadurch den Fluss der sexuellen Energie nach oben anzuregen. Nun gehen wir an das obere Ende des Wirbelsäulennervs und beginnen dort eine Verbindung herzustellen.

Eine Verbindung mit was? Das ist eine der erstaunlichsten Dinge, wenn man mit dem Wirbelsäulennerv arbeitet. Wenn der Wirbelsäulennerv allmählich durch Pranayama und Meditation gereinigt wird, wird eine neue Art von Erfahrungen möglich. Wir beginnen sexuelle Energie zu erwecken und aus der Nähe der Wurzel in eine Aufwärtsbewegung zu bringen und dann stellen wir eine Verbindung zwischen dem unteren und oberen Ende des Wirbelsäulennervs her. Diese Verbindung ist etwas Reales und kann vom Übenden klar als eine Art Leitfähigkeit durch den Wirbelsäulennerv, eine ekstatische Leitfähigkeit, wenn du so willst, wahrgenommen werden. Der Wirbelsäulennerv wird zu einem Leiter für ekstatische Erfahrung. Von dort breitet sie sich über alle Nerven des Körpers aus. Das wird direkt durch alle fünf Sinne wahrgenommen, die im inneren des Körpers wirken. Wenn die Erfahrung ekstatischer Leitfähigkeit tiefer in jede Zelle des Körpers eindringt, gehen auch die Sinne nach innen. Diese Erfahrung ist so angenehm und so bezaubernd, dass die Sinne nicht widerstehen können und nachfolgen. Das ist eine einzigartige Situation in der die Sinne bereitwillig nach innen anstatt nach außen gehen. In der Yogaterminologie nennt man das Pratyahara – das Abziehen der Sinne nach innen. Es ist eine vollkommen natürliche Reaktion, wenn die Erfahrungen von riesiger innerer Wonne unsere Sinne nach Innen führen. Es ist auch ein großes Vergnügen. Manch einer sagt, das sei ein größeres Vergnügen als weltlicher Sex. Gut, du kannst dir selbst ein Urteil darüber bilden.

Mit Mulabandha haben wir mit dem Prozess der direkten Stimulation von ekstatischer Leitfähigkeit im Körper begonnen. Die ersten Male stimuliert das sexuell und lenkt etwas ab. Die vitalen Essenzen arbeiten sich langsam weiter nach oben und beleben die höheren Energiezentren im Körper. Mit der Zeit wächst diese Erfahrung in etwas, das ausgedehnter ist, als weltliche sexuelle Gefühle. Um diesen Prozess zu erleichtern, werden wir weitere fortgeschrittene Yoga-Übungen anwenden. Jede Erfahrungsebene begegnet uns auf ganz natürliche Weise, sobald die Tür mit den notwendigen Hebeln ein wenig geöffnet wurde. Der Körper wurde für die Ekstase geschaffen und schon ein klein wenig davon ist genug, den Skeptiker zu überzeugen. Es gibt nichts Besseres als direkte Erfahrung. Das Ziel dieser Lektionen ist es, dich in die Lage zu versetzen, direkte Erfahrungen zu haben, damit du dich mit Übungen befassen kannst, die auf eigenen Erfahrungen aufbauen, statt auf reine Nachahmung oder blinden Glauben. Deine Weiterentwicklung durch die fortgeschrittenen Yoga-Übungen ist so entworfen, dass sie erfahrungsorientiert stattfindet.

Wir werden also jetzt den Wirbelsäulennerv dort stimulieren, wo er auf den Punkte zwischen den Augenbrauen trifft. Diese Stimulation wird „Sambhavi“ genannt. Wir werden das während unserer gewöhnlichen Pranayamasitzung anwenden und machen auch alles andere, was wir bisher schon gelernt haben. Versichere dich, dass du in deiner Pranayamaübung gefestigt bist, wenn du daran denkst, Sambhavi anzugehen. Aber auch wenn die Dinge mit Mulabandha noch etwas hektisch ablaufen und die sexuelle Energie in den unteren Regionen noch herum hüpft, ist es trotzdem in Ordnung mit Sambhavi anzufangen, weil Sambhavi dabei helfen wird, die sexuelle Energie höher nach oben zu bringen, wo sie stabiler werden wird. Sambhavi und Mulabandha arbeiten dabei zusammen – sie stimulieren und stabilisieren die sexuelle Energie, die während der Wirbelsäulenatmung den Wirbelsäulennerv hinauf und hinunter wandert.

Sambhavi besteht aus zwei Hauptteilen. Zuerst kommt ein sanftes Runzeln der Stirn am Punkt zwischen den Augenbrauen. Dadurch bewegen sich die beiden Augenbrauen leicht in Richtung Mitte. Das ist aber kaum physisch wahrnehmbar und bleibt meist eine bloße Absicht. Es ist nur so weit physisch, dass ein Feedback vorhanden ist, worum sich eine Gewohnheit bilden kann. Unter normalen Umständen wird das für einen äußeren Beobachter nicht sichtbar sein – möglicherweise nur ein bisschen in der Anfangsphase. Mit etwas Übung wirst du feststellen, dass dies wirklich eine innerliche Bewegung ist, die in das Zentrum deines Gehirns zurückreicht und das Zentrum deines Gehirns nach vorne zum Punkt zwischen den Augenbrauen zieht. Diese innere Aktivität beginnen wir mit dem gerade beschriebenen Stirnrunzelimpuls. Das wird sich danach natürlich entwickeln, sobald sich die ekstatische Leitfähigkeit einstellt. Du wirst fühlen, wie das im Inneren deines Kopfes arbeitet.

Die zweite Komponente von Sambhavi ist das physische Heben der Augen zu dem Punkt, an dem das Runzeln zwischen den Augenbrauen stattfindet. Zu dem Punkt, wo das Runzeln zwischen den Augenbrauen fühlbar ist, dahin gehen die Augen. Dazu ist es nötig die Augen etwas anzuheben und zu zentrieren. Während wir das tun, halten wir die Augen bequem geschlossen. Wir zwingen die Augen nicht. Anfangs mögen sie vielleicht nicht so weit nach oben gehen, wie wir das wünschen. Das ist in Ordnung. Zwinge sie nicht. Lass sie nur ganz natürlich durch die Empfindung des Runzelns zum Punkt zwischen den Augenbrauen hingezogen werden. Noch einmal, das ist eine feinsinnig physische Angewohnheit, die wir kultivieren wollen. Wenn die Gewohnheit einmal da ist, ist die Aufmerksamkeit frei für das Atmen durch die Wirbelsäule. Beim Pranayama ist alles physische Angewohnheit, außer der Aufmerksamkeit, die ganz locker und einfach mit dem Atem entlang des Wirbelsäulennervs auf und ab geht. Sobald wir das beherrschen, wird alles automatisch ablaufen und unsere Aufmerksamkeit ist völlig frei, leicht und locker im Inneren unseres Wirbelsäulennervs, welcher durch unser inneres Sehen transformiert wird, nach oben und unten zu wandern.

Während wir diese beiden Dinge gleichzeitig tun, das leichte runzeln des Stirnzentrums und das Heben und Zentrieren der Augen auf den Punkt zwischen den Augenbrauen, fahren wir mit all den anderen Elementen des Pranayamas ganz wie zuvor fort. Es sollte darauf hingewiesen werden, dass beim Auf- und Abwandern der Aufmerksamkeit durch den Wirbelsäulennerv mit dem Atem die Augen auf den Punkt zwischen den Augenbrauen nach oben gerichtet bleiben. Wir blicken nicht mit unserer Aufmerksamkeit durch die physischen Augen auf den Punkt zwischen den Augenbrauen. Unsere Aufmerksamkeit wandert den Wirbelsäulennerv entlang nach oben und unten. Wir versuchen nicht mit unserer Aufmerksamkeit durch unsere physischen Augen auf den Punkt zwischen den Augenbrauen zu schauen. Die Augen gehen dort physisch hin, aber unsere Aufmerksamkeit wandert den Wirbelsäulennerv entlang nach oben und unten. Unsere physischen Augen machen in der Tat lediglich etwas mit den Muskeln. Wenn sie zu dem Punkt zwischen die Augenbrauen hochgehen, stimulieren die Augen den Wirbelsäulennerv physisch den ganzen Weg zurück durch das Gehirn und den ganzen Weg hinunter durch die Wirbelsäule zum Perineum. Wir nutzen unsere Augen auf eine physikalische Art, um damit den Wirbelsäulennerv zu erwecken. Währenddessen ist unsere Vorstellungskraft (unsere Aufmerksamkeit) nach Innen gerichtet und geht durch den Wirbelsäulennerv im Inneren locker hinauf und hinunter. Es ist eine neu Art des Sehens, mit dem wir beginnen, ein inneres Sehen.

Abhängig davon, wie weit du mit der Reinigung deines Wirbelsäulennervs durch Pranayama bereits gegangen bist, kannst du möglicherweise beim Ausführen von Sambhavi den ganzen Weg hinunter in den Beckenbereich eine Empfindung wahrnehmen - oder auch nicht. Gleich wie wird der Wirbelsäulennerv durch die kombinierten Effekte aller bisher besprochenen Übungen stimuliert und gereinigt. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die ekstatische Leitfähigkeit aufzutreten beginnt und wir zu „sehen“ anfangen, wirklich zu sehen. Wenn sich das ereignet, wird es da noch mehr Meilensteine geben, die wir auf unserer Heimreise beobachten können. Zuerst werden wir den Wirbelsäulennerv im Inneren als ekstatischen Faden erkennen. Dann wird er wie eine ekstatische Schnur. Danach wird er zu einem ekstatischen Seil; später wie eine große Säule von Ekstase, die unseren gesamten Körper aausfüllt. Schließlich geht es in alle Richtungen hinaus und umschließt sanft alles, was wir außerhalb unseres Körpers wahrnehmen. All das strömt aus dem Wirbelsäulennerv heraus. Du kannst also sehen, wie wichtig es ist, den Wirbelsäulennerv entlang zu laufen und die ekstatische Leitfähigkeit zu kultivieren.

Auch vor der Anwendung der fortgeschrittenen Yoga-Übungen gibt es einen biologischen Präzedenzfall für das, was wir hier diskutieren. Vielleicht hast du selbst in der Vergangenheit einmal einige angenehme Gefühle in deiner Beckenregion wahrgenommen, wenn du deine Augen gekreuzt hast. Es ist allgemein bekannt, dass die Augen beim Sexualakt manchmal die Neigung haben, sich zu kreuzen und zu heben. Da gibt es einen Instinkt. Etwas in uns weiß, wie man die sexuelle Energie durch das Zentrum des Nervensystems nach oben befördert. Es ist eine uns innewohnende Fähigkeit, welche wir besitzen und eine natürliche Reaktion, die wir beobachten können, noch bevor wir mit Yoga beginnen. Mit Mulabandha und Sambhavi aktivieren wir bewusst eine natürliche Fähigkeit in unserm Inneren, genau so wie wir das auch mit allen anderen fortgeschrittenen Yoga-Übungen, die wir von Beginn an diskutiert haben, getan haben. So wird es auch mit allen Übungen sein, die wir in Zukunft diskutieren. Wir erwecken systematisch, was wir bereits besitzen – unseren Wirbelsäulennerv, unsere Autobahn in den Himmel.

Der Punkt zwischen den Augenbrauen wird „drittes Auge“ genannt. Warum? Was können wir damit sehen? In der Sprache der Chakren wird es „Ajna“, was „Befehl“ oder „Kontrolle“ bedeutet, genannt. Diese beiden Beschreibungen weisen auf die Bedeutung der Energiedynamik hin, welche in unserem Kopf als Resultat fortgeschrittener Yoga-Übungen entsteht. Wir beginnen nicht nur, dort etwas zu sehen, wir haben das auch unter unserer Kontrolle.

Jesus sagte: „Ist dein Auge einzig, wird dein ganzer Körper voller Licht sein.“ Mt 6,22*

Das wird meist metaphorisch gedeutet: wenn unserer Hingabe ungeteilt ist, werden wir mit dem Licht Gottes erfüllt sein. Das ist sicherlich wahr. Wir haben die Wichtigkeit von Hingabe auf der spirituellen Reise bereits betont. Ohne konzentrierte Hingabe an die spirituelle Transformation und Handlung in Form täglichen Übens, wird nicht viel geschehen.

Diese Worte von Jesus haben aber auch eine wörtliche Bedeutung – eine sehr wörtliche Bedeutung. Wenn deine Aufmerksamkeit auf den einen Kanal des Wirbelsäulennervs fokussiert wird, und immer wieder zum Punkt zwischen den Augenbrauen zurückgebracht wird, wird dein Körper mit Licht angefüllt. So läuft das wirklich ab. Sambhavi ist eines der wichtigsten Mittel, durch welche das dritte Auge geöffnet wird. Mit dem Öffnen des dritten Auges wird auch alles, was darunter ist, aktiviert. Sambhavi hat über den Wirbelsäulennerv direkten Einfluss auf die sexuelle Energie. Wenn die Reinigung des Nervensystems zunimmt, gibt uns Sambhavi ein großes Maß an Kontrolle über die Kultivierung und das Aufsteigen der sexuellen Energie. Das wiederum führt zu vermehrter Erfahrung von Ekstase im Körper, was tief greifende Erfahrungen göttlichen Lichtes, das durch jeden Nerv in uns schäumt, einschließt. Unser ganzer Körper wird dann „voller Licht sein“.

Wenn diese Transformation weitergeht, beginnen wir auch über unseren Körper hinauszusehen. Wir werden herausfinden, dass der Wirbelsäulennerv nicht am Punkt zwischen den Augenbrauen aufhört, sondern sich weit darüber hinaus erstreckt. Sobald wir das beobachten, wird unsere Wirbelsäulenatmung in eine neue Dimension eintreten. Das dritte Auge öffnet sich!

Der Guru ist in dir.


*So lautet die wörtliche Übersetzung aus der lateinischen Vulgata (dem Original) und auch der King James Version der Bibel, die der englischen Version dieser Lektion zugrunde liegt. Die neueren Bibelübersetzungen sowohl im Englischen als auch im Deutschen haben für das lateinische „simplex“/englisch „single“ , da man offenbar keine sinnvolle Interpretation kennt, „klar, gesund oder gut“ stehen (Anmerkung des Übersetzers).

 

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