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Lektion 1 – Was ist Tantra-Yoga?
Autor: Yogani
25. Januar 2004
Für neue Mitglieder: Es wird empfohlen, am
Anfang des Archivs oder bei der Erklärung der Meditationstechnik zu
beginnen, da die Kenntnis vorheriger Lektionen Voraussetzung für das
Verständnis dieser Lektion ist. Die erste Lektion ist die
Lektion 10 „Warum diese Erörterung?". Die Meditationstechnik wird in
Lektion 13 "Meditation - Wecken der ruhenden Saat"
eingeführt.
Es ist schon komisch, weißt Du, wie sich eine Vorstellung von Tantra Yoga
herauskristallisiert und als Mehrheitsmeinung unserer modernen
Gesellschaft breit gemacht hat. Die meisten haben die Vorstellung
heutzutage, dass es bei Tantra um Sex geht – besseren Sex, ekstatischeren
Sex, „spirituelleren Sex“. Daher ist „Sex, Sex, Sex!“ der Lockruf von Tantra
geworden. Haben wir einen eingleisigen Verstand, oder was? Das ist aber
alles einfach zu klären. Die meisten von uns, finden das Spitzenerlebnis
ihres Lebens im Sexualakt, insbesondere im überwältigenden Genuss des
Orgasmus. Deshalb ist es kein Wunder, dass wir eine Kultur haben, die
sexbesessen ist – normalerweise dafür, manchmal dagegen und immer in
Hochachtung davor. Wir wissen alle, dass Sex uns irgendwie mit einer
höheren Dimension von dem verbindet, was wir sind. Es ist eine Tatsache,
dass uns Sex in der Liebe, in der Familie und letztendlich mit unserem
spirituellen Leben zusammenbindet. Wir sind also ganz natürlicher Weise
sexbesessen. Das bildet die Wurzel von allem, was wir sind. Es definiert
uns. Ein tief liegendes Verlangen, das wir alle besitzen, ist, auf ewig mit
der Ekstase zu verschmelzen, welche in diesem Ding, „Sex“ genannt,
enthalten ist.
Um die letzten Geheimnisse von Sex entwirren zu können, sind wir gut beraten,
einen weiten Blickwinkel darauf einzunehmen. Das ist dann der Punkt, an
dem Tantra ins Spiel kommt.
Was, wenn ich Dir erzählen würde, dass es bei Tantra hauptsächlich um
Meditation, Pranayama, Bandhas, Mudras und Asanas geht – um all die Dinge,
über die wir in den Fortgeschrittenen Yoga-Übungen die ganze Zeit
gesprochen haben? Es entspricht der Wahrheit, dass es beim Tantra
hauptsächlich um diese Dinge geht. Ja, es geht dabei auch um Sex, wie wir
auch in den Hauptlektionen schon relativ früh zur Sprache gebracht haben.
Wir haben keinen Bogen um das Thema Sex gemacht, da es beim ganzen Prozess
der Erleuchtung eine Rolle spielt. In der Tat ist Erleuchtung gar nicht
möglich, wenn unsere Sexualität nicht in den Prozess des Yoga mit
einbezogen wird – dem Prozess der Vereinigung unseres inneren göttlichen Selbstes mit der äußeren Welt. Wenn wir unser Nervensystem auf dieses Ziel
hin kultivieren, muss die Rolle der sexuellen Energie dabei zur Sprache
kommen.
Tantra bedeutet „zusammengewoben“, oder „die Fülle von Zweien als Eines“.
Es bedeutet in Wirklichkeit dasselbe wie Yoga, nur ist etwas mehr
Intimität dabei. Tantra erkennt von Beginn an, dass es zwei Pole gibt, die
in Ekstase miteinander verbunden werden müssen, damit Erleuchtung
entstehen kann – Vater Himmel und Mutter Erde, männliche und weibliche
Energien, Shiva und Shakti, Yin und Yang – und dass diese beiden Pole in
uns enthalten sind, in unserem Nervensystem. Wir haben das in den
Hauptlektionen der Fortgeschrittenen Yoga-Übungen bereits unter vielen
praktischen Gesichtspunkten erörtert.
Tantra-Yoga ist das breiteste aller Yoga-Systeme und betrachtet das Leben als
zwei Wirklichkeiten, die im menschlichen Nervensystem vereinigt
werden müssen. Im Tantra-Yoga mit eingeschlossen sind Mantra-Yoga,
Kundalini-Yoga, Hatha-Yoga, Ashtanga (achtgliedriger) Yoga und andere. Die
Praktiken, welche diese traditionellen Yoga-Systeme beinhalten, umfassen
das, was als der so genannte „Rechte-Hand-Weg“ des Tantra-Yoga bezeichnet
wird. Dann gibt es noch den „Linke-Hand-Weg“ des Tantra-Yoga, welcher sich
damit befasst, reines Glückseligkeitsbewusstsein in die Ausschweifungen
des sinnlichen Lebens der materiellen Welt zu bringen. Der „Linke-Hand-Weg“
lehnt sinnliche Ausschweifungen nicht ab. In der Tat zieht er daraus für
spirituelle Zwecke einen Nutzen. Der „Linke-Hand-Weg“ ist eine Art
Schattenseite des Yoga, der Teil, von dem man annimmt, dass der aufrechte
Bürger sich davon fernhält. Das ist aber auf jeden Fall die traditionelle
Sichtweise. So war das, bevor die Hippie-Generation Tantra für sich
vereinnahmt hat. Heutzutage ist es auch seriös, den „Linke-Hand“ Tantra zu
praktizieren. Zumindest im Westen ist das so. Vielleicht haben die aus dem
Westen nur nichts mehr zu verlieren, da sie so in die materielle
Lebensweise verstrickt sind – um den Sachverhalt nur anzudeuten. Warum
sollte man die spirituelle Seite nicht in das materielle Leben einbringen?
Wir können sowohl das eine als auch das andere haben. Überall steht Linke-Hand Tantra darauf.
Wir werden uns also in diesen Lektionen den Linke-Hand-Tantra, soweit er
mit sexuellen Methoden zu tun hat, näher ansehen. Du wirst sehen, dass wir
einen Zusammenhang mit den Dingen herstellen, die wir bereits
in den Hauptlektionen diskutiert haben. Wir haben uns dort schon in
Lektion 54, „Kundalini - ein Synonym für Sex“, eingehend mit Kundalini
befasst und begonnen, sexuelle Energie mit wichtigen fortgeschrittenen
Yoga-Übungen wie Mulabandha, Sambhavi,
Siddhasana und Yoni Mudra Kumbhaka
aufwärts in unser Nervensystem hinein in Bewegung zu setzen. All das wurde
in die Routine des zweimal täglichen Praktizierens eingebaut. Es soll aber
immer nur schrittweise – unseren eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten
entsprechend – in Angriff genommen werden.
Alles, was wir bisher getan haben, ging von der Wurzel ausgehend nach
oben, oberhalb Siddhasana, der systematischen Stimulation am Perineum. Nun
gehen wir sozusagen noch tiefer als Siddhasana. Das ist notwendig.
Denn, wenn wir die riesigen Prana-Ströme, die den Sexualakt ausmachen,
nicht in den Griff bekommen, werden wir vielleicht feststellen müssen,
dass das, was wir spirituell in unserem Nervensystem erreichen können,
seine Grenzen hat. Das heißt nicht, dass wir uns an das gefürchtete Wort
mit „Z“ (Zölibat) halten müssen. Es heißt nur, dass wir einige intelligente
Methoden in Betracht ziehen, die uns helfen, unsere sexuellen
Aktivitäten mehr in Übereinstimmung mit unseren spirituellen Zielen zu
bringen. In der Tat wirst Du vielleicht erstaunt sein zu entdecken, dass
intelligenter spiritueller Sex sehr viel vergnüglicher sein kann als
nullachtfünfzehn Sex, der manchmal mit den Worten: „Wham, bam, danke Ma'am.“
charakterisiert wird.
Also hinein ins Getümmel.
Der Guru ist in Dir.
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