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Lektion T19 – Sex, Liebe und Bhakti
Autor: Yogani
20. März 2004
Für neue Mitglieder: Es wird empfohlen, am
Anfang des Archivs oder bei der Erklärung der Meditationstechnik zu
beginnen, da die Kenntnis vorheriger Lektionen Voraussetzung für das
Verständnis dieser Lektion ist. Die erste Lektion ist die
Lektion 10 „Warum diese Erörterung?". Die Meditationstechnik wird in
Lektion 13 "Meditation - Wecken der ruhenden Saat"
eingeführt.
Jeder weiß, dass es beim Sex um Hormone geht. Es gibt den alten Witz, dass
„Teenagers nur aus Hormonen bestehen“. Möglicherweise trifft das auch auf
viele von uns Erwachsenen zu. Je mehr hormonale Vitalität wir aufweisen,
desto größer ist unser sexueller Stellenwert und Selbstbild. Wenn die
Säfte fließen, fühlen wir uns lebendiger.
Alles dreht sich um Prana, verstehst Du. Prana ist Vitalität – die in
unserem Inneren fließende Lebenskraft. Das steckt hinter all diesen
Hormonen. Durch Yoga beeinflussen wir unser Prana, indem wir auf unsere
Körperchemie einwirken und umgekehrt. Wir denken gemäß einer bestimmten
Vorgehensweise und werden physisch und mental still im Inneren und innere
Stille dehnt sich aus. Wir werden zur leeren, unabhängigen Bewusstheit.
Das ist Meditation. Wir atmen auf eine bestimmte Weise und die in unserem
Körper fließenden Energien werden spürbar belebt. Das ist Pranayama. Wir
lieben einen Partner auf eine gewisse Art körperlich oder beschäftigen uns
mit bestimmten Typen von Selbststimulation unserer sexuellen Energie und
unsere inneren Erfahrungen werden auf dramatische Weise in unermessliche
innere Flüge ekstatischer Euphorie ausgeweitet. Dann sind wir gleichzeitig
leer und euphorisch. Aus der Verbindung dieser beiden besteht die
göttliche Liebe – ein selbsterhaltendes Fließen, wozu kein Objekt nötig
ist. Es ist einfach.
Der große Kriya Yogi Lahiri Mahasaya sagte:
„ Meine Anbetung ist von ganz sonderbarer Art. Heiliges Wasser ist nicht
nötig. Besondere Geräte brauche ich nicht. Selbst Blumen sind überflüssig.
In diesem Gottesdienst sind alle Götter verschwunden und Leere ist mit
Euphorie verschmolzen.“
Letztendlich geht es also bei der spirituellen Transformation von Menschen
nicht um äußere Objekte oder Rituale. Es geht um unsere inneren Prozesse,
unsere innere Bewusstheit (Leere) und unsere Ekstase (Euphorie). Wenn
diese beiden verschmelzen, ist alles, was übrig bleibt, göttliche Liebe,
die von einem endlosen inneren Reservoir aus nach außen fließt. Sie ist
ihre eigene Quelle. Sie existiert für kein einzelnes Objekt, doch dient
sie allen. Sie ist ihre eigene Erfüllung und das ist das allgemein Gute.
Göttliche Liebe besteht aus Hormonen, die zu ihrer höchsten Ebene des
Funktionierens im menschlichen Wesen gebracht wurden.
Was ist aber mit der gewöhnlichen Liebe, die Art, welche die meisten von
uns irgendwann in ihrem Leben fühlen – die Art, welche wir in unseren
Herzen und Lenden fühlen. Wie dehnen wir uns von da zur göttlichen Liebe
aus? Das geschieht durch die Wahl einer höheren Manifestation unserer
Energie, d.h. wir wählen eine höhere Ebene des Funktionierens unserer
Hormone, indem wir die Reise der Transformation durch Nutzung yogischen
Wissens machen.
Werden wir sexuell erregt, werden unsere Hormone in einen höheren Gang
angeregt. Wir fühlen Euphorie. Wir fühlen uns angezogen – angezogen von
was? – von irgendetwas, irgendjemand. Diese gewaltige euphorische
Anziehung benötigt ein Objekt. Wir verlieren unseren Kopf, sobald das
geschieht. Die Gefühle übernehmen die Führung. Nur noch das Objekt ist
wichtig.
„Liebe macht blind.“
Was ist die gewöhnliche Liebe? Sie ist ein extremer Fluss von Hormonen.
Wir werden von Innen betäubt. Das erfüllt uns mit Hingabe an das Objekt
unserer Bezauberung – zumindest für einige Zeit, zumindest bis die Hormone
zur Ruhe kommen. Und was ist dann? Dann ist ‚die Hochzeitsreise zu Ende’
und wir gehen in eine andere Phase des Prozesses über, in eine weniger
intensive.
Der Unterschied zwischen der gewöhnlichen Liebe und der göttlichen Liebe
ist, dass die Intensität der göttlichen Liebe niemals aufhört: Die
Hochzeitsreise geht nie zu Ende. Sie hört nie auf. Sie wird sogar immer
intensiver und intensiver. Das Göttlichverliebtsein ist wie der Fall in
einen unendlichen Abgrund der Liebe. Beim Fallen fließt sie zu allen um
uns herum aus. In der göttlichen Liebe werden wir zu einem
Verbindungskanal zwischen der Unendlichkeit und der Welt.
Bei göttlicher Liebe, einer göttlichen Liebesaffäre, geht es genauso um
Sex wie bei normalen menschlichen Liebesaffären. Bei göttlicher Liebe geht
es aber um den inneren Sex und diese kommt niemals zu einem Ende. Bei
gewöhnlicher Liebe geht es um externen Sex und sie verliert ihre
Intensität mit der Zeit. Gewöhnlich Liebende schreien und stöhnen für
einige Minuten oder Stunden in Ekstase. Liebhaber des
Göttlichen schreien und stöhnen in Ekstase für Jahrzehnte.
Wenn Du die Gedichte von Rumi und des hl. Johannes vom Kreuz
(vgl. die Link-Seite engl.)
liest, wirst Du sehen, dass diese Weisen eine leidenschaftliche Beziehung
zum Göttlichen unterhielten – eine ungemein romantische Beziehung zu ihren eigenen „Ishtas“, ihre gewählten Ideale. Lahiri Mahasaya
weist darauf hin, dass aber auch diese Ideale am Ende von der Realität der inneren
Transformation, dem Verschmelzen der inneren Stille mit der inneren
Ekstase, einem im Inneren auftretenden neuro-chemischen Prozess,
überblendet werden.
Ach, die göttliche Liebesaffäre! Wir müssen sie in irgendeine Form von
Sprache fassen. Wir beschreiben sie mit Metaphern, Göttern, der Sprache
unserer Kultur. Nach all der Analyse und all dem Yoga, wenn göttliche
Liebe aufwallt, kann es nur Poesie geben und möglicherweise nicht einmal
das.
So ähnlich ist es in tantrisch sexuellen Beziehungen auch. Die Hormone
werden höher und höher kultiviert. Unser(e) Liebhaber(in) ist das
Göttliche vor uns, in uns, es hüllt uns ein. Haben wir die Methoden von
Bhakti angewandt, wissen wir, dass all unsere Wünsche, all unsere
Leidenschaften und all unsere Hormone nach diesem hohen Zweck in uns
streben. Nichts hat irgendeine Bedeutung, nur das. Unsere gewöhnliche
Liebe wird sich in jeder Minute zu göttlicher Liebe verwandeln.
Liebesobjekte werden zu spirituellen Objekten und verschmelzen dann in
unserem Inneren. Unser Körper, unser Geliebter und jeder, den wir sehen,
sind Ausdruck Gottes und sind für diesen göttlichen Liebesakt da, der die
Trennung auflöst. Gewöhnlichen Menschen mögen wir als verrückt erscheinen,
wenn wir uns in diesem Zustand göttlicher Leidenschaft befinden.
Verrückt oder nicht, sind wir vorausblickend, arbeiten wir mit unseren
sitzenden Übungen darauf hin, unsere Liebe höher und höher gehen zu
lassen, wenn wir uns nicht in einer tantrisch-sexuellen Beziehung
befinden. Das können wir jeden Tag. Dann hört die Liebesaffäre niemals
auf. Sie schleicht sich in unser alltägliches Leben ein und fließt von uns
als Wellen schönster Glückseligkeit aus. Die täglichen Übungen sind dafür
sehr wichtig. Schließlich wird das zu einem Selbstläufer. Das Nervensystem
will zu diesem göttlichen Zustand aufsteigen. Es bittet uns darum, dass
wir Yoga ausführen, indem es uns aus dem Inneren unseres Herzens still
anruft. Wenn das Nervensystem sich im Yoga öffnet, übernimmt es die
Führung und dann gibt es keinen Halt mehr. Dann befinden wir uns in voller
Fahrt.
Wenn Du also verliebt bist, eine sexuelle Affäre mit jemandem hast oder
nur über Liebe nachdenkst, halte Dir etwas im Bewusstsei: Deine Liebe ist
zu etwas großem, das weit über Anhänglichkeiten oder Vergnügungen des
Augenblicks hinausgeht, bestimmt. Du brauchst nirgendwo hinzugehen, um
Deine Bestimmung zu finden. Du brauchst weder Deine Familie, noch Deine
Karriere, noch irgendetwas anderes aufzugeben. Du musst nur erkennen, dass
Du Dein Verlangen und Deine Leidenschaft auf etwas Höheres zielen lassen
kannst.
Wie soll das gehen?
Die Absicht allein setzt die Dinge in Bewegung. Spürst Du, wie sie sich
jetzt in Dich hineinbewegt? – Eine Beschleunigung Deiner Hingabe. Eine
magische Erwartung, die sich tief in Dir regt. Favorisiere das.
Favorisiere das, während Du fühlst, wie Deine Liebe fließt. Favorisiere
das, während Du mit Deinem(r) Geliebten im Bett zusammen bist. Fühle es,
während Du die Methoden anwendest, die Deine göttliche Energie höher in
Deinem(r) Geliebten und Dir selbst kultiviert. Fühle dies während Du Deine
täglichen sitzenden Übungen ausführst. Steige hoch in göttlicher Liebe. Du
hast dazu die Mittel zur Hand.
Der Guru ist in Dir.
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