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Lektion 2 – Meditation, Bhakti und tantrischer Sex
Autor: Yogani
27. Januar 2004
Für neue Mitglieder: Es wird empfohlen, am
Anfang des Archivs oder bei der Erklärung der Meditationstechnik zu
beginnen, da die Kenntnis vorheriger Lektionen Voraussetzung für das
Verständnis dieser Lektion ist. Die erste Lektion ist die
Lektion 10 „Warum diese Erörterung?". Die Meditationstechnik wird in
Lektion 13 "Meditation - Wecken der ruhenden Saat"
eingeführt.
Es war kein Zufall, dass wir schon damals in den ersten Lektionen der
Fortgeschrittenen Yoga-Übungen damit begonnen haben, das Verlangen und
Meditation zu erörtern. Wir haben unser Verlangen so fokussiert, dass wir
mit der Meditation anfingen. Der Prozess in der Meditation tief in das
Glückseligkeitsbewusstsein einzutauchen, führt zu stiller Bewusstheit und
einer instinktiven Wiedererkennung in unserem Nervensystem. Diese
Wiedererkennung wird verstärkt durch vermehrtes Wissen, dem wir begegnen.
Dadurch bekommen wir mehr Verlangen für das Göttliche, was uns wiederum
zum vermehrten Üben führt. Dieses aufsteigende Verlangen nach göttlichen
Erfahrungen wird „Bhakti“ genannt. Bhakti ist ein Produkt unseres
Verlangens und der Reinigung, die in unserem Nervensystem auftritt. Und
das liegt in unserer eigenen Absicht: Wir gelangen zum göttlichen Verlangen
aufgrund unserer eigenen Entscheidung. Mit den täglichen Übungen nimmt
Bhakti spiralförmig zu und drängt uns weiter zu immer höheren Ebenen der
Yoga-Praxis und göttlicher Erfahrung.
Was hat das alles mit tantrischem Sex zu tun?
Wenn wir uns als Anfänger beginnen mit tantrischem Sex zu beschäftigen,
weil wir einfach nach einer besseren Art von Sex suchen, wird das, wenn es
gut läuft, auch alles sein, was wir bekommen: etwas besserer Sex – ein
kurzlebiger Sieg. Wenn wir zum tantrischem Sex auf Wogen von Bhakti,
hervorgebracht durch unsere tägliche Routine mit fortgeschrittenen
Yoga-Übungen, kommen, ist das ein ganz anderes Paar Schuhe. Dann werden
wir mit anhaltender göttlicher Ekstase angefüllt sein. Deshalb ist die
erste Empfehlung zum tantrischen Sex, dass man darunter zuerst einmal ein
starkes Fundament mit täglicher Meditation, Pranayama und anderen
fortgeschrittenen Yoga-Techniken baut. Dann wird tantrischer Sex ganz
natürlich hervorkommen und ein wirkliches spirituelles Potential haben,
noch bevor wir damit beginnen es selbst zu praktizieren.
Genau dasselbe war es, als wir damit begannen, fortgeschrittenen
Yoga-Techniken wie Mulabandha und Siddhasana, beide zur
Aufwärtsstimulierung sexueller Energie in unserem Nervensystem,
aufzunehmen. Hätten wir Mulabandha und Siddhasana zuerst gemacht, bevor
wir meditierten und Pranayama übten, hätten wir sozusagen versucht,
Energie durch großteils verstopfte Kanäle nach oben zu senden: das hätte
die Möglichkeiten eines positiven Erfolges sehr eingeschränkt. Es ist
besser zuerst etwas das Haus zu reinigen und damit täglich fortzufahren,
bevor wir beginnen sexuelle Energie nach oben in höhere Regionen unseres
Nervensystems zu bewegen. Dasselbe hat seine Gültigkeit, wenn wir mit
tantrischem Sex beginnen.
Wie wissen wir, dass wir bereit sind für die tantrischen Sexualtechniken?
Das ist sehr einfach. Wir werden etwas mit unserem
Sexualleben anfangen wollen, das uns aufbaut. Das wird für uns wichtig werden. Je mehr wir
das wollen, desto besser wird es sein. Das Niveau von Bhakti in uns ist
leicht zu fühlen und auch für andere leicht wahrnehmbar. Das kommt
automatisch, wenn sich unser Nervensystem als Ergebnis unserer
fortgeschrittenen Yoga-Übungen reinigt. Es ist eine Art von Magnetismus,
der aufsteigt und uns zu einem „Mehr“ drängt. Es ist aber ein starkes
Rufen nötig, damit wir in eine neue, spirituell orientierte Sexualität
gedrängt werden, weil wir dazu etwas Radikales tun müssen. Wir brauchen
ein radikales Verlangen, damit wir tantrischen Sex in Angriff nehmen. Wir
lassen uns auf eine Reise ein, die das Ziel hat, den Lauf eines mächtigen
Stromes zu verändern. Beim tantrischen Sex lernen wir, uns mit dem Zweck
sexuelle Energie zum Aufwärtsfließen zu bringen, sexuell zu betätigen und
unsere tief verwurzelte Obsession für den Orgasmus hintanzustellen.
Spirituelle Kultivierung der sexuellen Energie zuerst, Orgasmus ist
zweitrangig. Das ist eine große Veränderung in unseren Zielsetzungen. Wenn
unser Bhakti stark ist, werden wir in der Lage sein, unser sexuelles
Wirken in eine Betriebsart der Kultivierung zu erweitern, genauso wie wir
unsere durch Siddhasana entstandene Erregung über die Zeit hinweg zu einer
viel höheren Wirkungsweise erziehen. Genauso geht das beim tantrischen Sex
zu: es ist ein stufenweises, längere Zeit in Anspruch nehmendes
Selbsterziehen. Tantrischer Sex ist keine Fähigkeit, die sich über Nacht
einstellt. Es ist eine Entwicklung, die sich mit der Zeit ergibt – über
viele Monate und Jahre hinweg. Wenn unser Bhakti stärker wird, geschieht
das. Das muss es auch, damit wir unsere Reise zur Erleuchtung zu Ende
bringen können.
Die sexuelle Reise durch Yoga wird nicht für jeden gleich sein. Sie wird
so verschieden für jeden von uns sein, wie es unsere sexuellen Neigungen
sind.
Für all jene, die ein dezentes oder maßvolles Sexualleben führen, besteht
keine große Notwendigkeit, yogische Methoden in ihre sexuellen Beziehungen
einzuführen, obwohl das Erlernen des tantrischen Sex sicherlich das
Liebesleben wie auch die anderen der fortgeschrittenen Yoga-Übungen
bereichern wird. Gelegentlicher Sex ist kein großes Hindernis für die
Erleuchtung. Die traditionellen Methoden von Yoga (Rechte-Hand-Tantra),
die in den Hauptlektionen erörtert werden, sind mehr als genug, damit
fertig zu werden.
Für diejenigen, die sexuell sehr aktiv sind, ist das eine andere Sache.
Obwohl der Pranaspeicher im Becken riesig ist, gibt es eine Grenze, bis zu
der man Energie verausgaben kann und trotzdem noch spirituell schwingt.
Das betrifft vor allem die Männer. Bei ihnen fließt während eines Orgasmus
mit der Samenejakulation viel Prana ab. Etwas trifft das zwar auch auf die
Frauen zu, aber nicht annähernd in ähnlichem Ausmaß. Es ist der Mann, der
den Schlüssel zu tantrischem Sex in Händen hält, denn er erfährt im
Orgasmus den größten Verlust an Prana. Deshalb ist es auch er, der die
Dauer der sexuellen Vereinigung bestimmt und damit auch das Ausmaß der
Kultivierung sexueller Energie, das während dem Liebesspiel geschehen
kann. Auch wenn die Frau mit Bhakti überfüllt ist, um sexuelle Energie in
sich und ihrem Partner höher und höher zu bringen, ist es das Bhakti des
'Mannes, das darüber entscheidet, in wie weit das bei der sexuellen
Vereinigung erreicht werden kann. Deshalb sind die Rollen des Mannes und
der Frau beim tantrischem Sex etwas unterschiedlich. In einem anderem
Sinne aber sind ihre Rollen auch dieselben. Damit tantrischer Sex
auftreten kann, müssen sowohl der Mann als auch die Frau darum bemüht
sein, die Ejakulation des Mannes intelligent zu steuern. Das hat seine
Berechtigung in den Anfangsstadien des tantrischen Sex und bleibt auch
danach für einige Zeit unabdingbar.
Mit der Zeit und der Übung wird der Mann Herr seines Samens und ist nicht
länger von der Hilfe seiner Partnerin für die Kontrolle seiner Ejakulation
abhängig. Wenn dieses Niveau der Fertigkeit einmal erreicht ist, sind
beide Partner frei, die sexuelle Energie fast unendlich zu kultivieren –
was, wenn du so willst, mit einem anhaltenden Super-Siddhasana
gleichzusetzen ist. Wir haben alle schon Werke asiatischer bildender Kunst mit
tantrischen Liebenden in Vereinigung gesehen, die Musikinstrumente
spielen, Gedichte lesen, meditieren oder zu langen Liebesgesprächen
beisammen sind. Das ist nicht das, was wir im Westen gewöhnlich unter Sex
– auch nicht tantrischen Sex – verstehen. Trotzdem ist es das, was
wirklicher tantrischer Sex ist – lange Kultivierung von sexueller Energie
im Liebesspiel vor dem Orgasmus.
Es ist noch wichtig einige Dinge zu erwähnen.
Erstens ist es nicht gut, tantrischen Sex als Selbstzweck zu betreiben. Es
ist keine für sich alleine dastehende Yoga-Praxis. Alleine für sich ist
tantrischer Sex eine schwache Übung zur globalen Reinigung des
Nervensystems. Meditation und Pranayama sind die erstrangigen Instrumente
für diese Aufgabe. Stellt sich etwas Reinigung ein, sind es traditioneller
Weise Bandhas, Mudras, Siddhasana und Kumbhaka, die sehr nützlich zur
Aufwärtsstimulierung der sexuellen Energie sind. Das führt zu einer
Erhöhung der ekstatischen Leitfähigkeit in der Sushumna (Wirbelsäulennerv)
und den tausenden von Nerven im Körper. Tantrischer Sex kann dabei eine
Rolle spielen – besonders für diejenigen Yogis und Yoginis, die sexuell
aktiver sind. Es ist etwas, das wir zur Verbesserung unseres Yogas tun
können, wenn wir bereits sexuell aktiv sind. 'Diese Erörterung hat also
nicht den Zweck, jede(n) Yogi(ni) aufzurufen, mehr Sex – nur auf
tantrische Art – zu haben. Wenn du nur gering bis gemäßigt sexuell aktiv
und glücklich mit deinen Fortgeschrittenen Yoga-Übungen bist, bist du sehr
gut dran. Lass dich nicht zu sexuellen Eskapaden anstacheln, nur weil es
diese Lektionen gibt. Diese Lektionen zu tantrischem Sex sind für Leute,
die bereits sexuell aktiv sind und nach Wegen suchen ihre sexuelle
Aktivität in ihr allgemeines Spektrum von Yoga-Übungen einzupassen.
Zweitens mag es einigen als eine schlechte Idee erscheinen, dass wir,
während wir die Fähigkeit entwickeln, die sexuelle Energie unendlich nach
oben zu kultivieren, den Orgasmus etwas außen vor lassen. Es mag scheinen,
dass wir hier das Kind mit dem Bade ausschütten. Schließlich ist der
Orgasmus das uns am tiefsten ergreifende Vergnügen, das wir bisher in
unserem Leben kennen gelernt haben. Das ist ein normales und berechtigtes
Bedenken und es ist richtig, wenn wir fragen:
„Was ist mit dem Orgasmus, was passiert mit ihm?“
In diesen Lektionen geht es nicht um Anti-Orgasmus. In Wirklichkeit ist
der Pfad der fortgeschrittenen Yoga-Übungen ein Pfad des Vergnügens, ein
Pfad der Ekstase. Der Orgasmus ist eine ekstatische Reaktion des Körpers,
welche durch eine bestimmte Art der Stimulation – einer sexuellen
Stimulation, welche biologisch orientiert ist und der Fortpflanzung dient
– ausgelöst wird. Der Zustand im Nervensystem, welchen wir Erleuchtung
nennen, ist ebenfalls eine ekstatische Reaktion im Körper, die durch eine
bestimmte Art der Stimulation ausgelöst wird - Stimulation durch
fortgeschrittene Yoga-Übungern, welche auf biologischer Ebene darauf abzielt
unser Gewahrwerden im unendlichen, reinen Glückseligkeitsbewusstsein und
göttlicher Ekstase hervorzubringen.
Geschieht die Erleuchtung auf Kosten des Orgasmus? Nein, Erleuchtung ist
eine Blüte des Orgasmus, eine Ausdehnung des Orgasmus in eine endlose,
volle Blühtenpracht im ganzen Körper.
Ramakrishna sagte, dass göttliche Ekstase vergleichbar ist mit unzähligen
Yonis (weiblichen Geschlechtsorganen) in fortwährendem Orgasmus in jedem
Atom und jeder Pore unseres Körpers.
Obwohl es zu Beginn also scheinen mag, dass wir etwas Wichtiges irgendwo
hinten im Regal abstellen, erweitern wir durch die Reinigung und Öffnung
unseres Nervensystems mit unseren fortgeschrittenen Yoga-Übungen in
Wirklichkeit schrittweise unsere orgiastische Reaktionsfähigkeit in
kosmische Gefilde. Dort erkennen wir, dass Ekstase unbegrenzt bezüglich
Größe und Dauer ist. Es ist nur eine Frage der Kultivierung unseres
Nervensystems, damit wir offenbaren können, was bereits vorhanden ist.
All das wird durch unser Verlangen erreicht. Jeden Tag wählen wir unseren
Weg aufs Neue.
Gut, befassen wir uns also mit den Besonderheiten des tantrischen Sex.
Der Guru ist in Dir.
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