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Lektion 9 – Das Verhältnis zwischen
Brahmacharya, tantrischem Sex und Zölibat
Autor: Yogani
8. Februar 2004
Für neue Mitglieder: Es wird empfohlen, am
Anfang des Archivs oder bei der Erklärung der Meditationstechnik zu
beginnen, da die Kenntnis vorheriger Lektionen Voraussetzung für das
Verständnis dieser Lektion ist. Die erste Lektion ist die
Lektion 10 „Warum diese Erörterung?". Die Meditationstechnik wird in
Lektion 13 "Meditation - Wecken der ruhenden Saat"
eingeführt.
Nun schneiden wir ein wirkliches Tabuthema an und bringen es mit der
Erörterung zu Tantra in Verbindung. Heutzutage ist das ein größeres
Tabuthema als Sex. Die Rede ist vom „Zölibat“.
Lauf nicht gleich schreiend zur Tür hinaus. Das Zölibat ist hier keine
vorgeschlagene Praxis. Es wird aber auch nicht ausgebuht. Wir wollen nur
verstehen, wie es sich hier einpasst, weil sich einige Leute von Natur aus
dahin gezogen fühlen. Andere mögen dazu gezwungen werden - durch eigene
Willensentscheidung oder den Willen anderer.
Aber bevor wir uns das Zölibat näher ansehen, sollten wir über „Brahmacharya“
sprechen, weil es der Schlüssel zu den spirituellen Implikationen sowohl
von Sex als auch Zölibat und zu dem, was beide gemein haben, ist. Sie
haben mehr Gemeinsamkeiten, als allgemein angenommen wird.
Brahmacharya bedeutet: in der kreativen Kraft Gottes (was mit der
sexuellen Energie in uns gleichzusetzen ist) zu wandeln oder sich darin
beständig aufzuhalten. Was meinen wir mit Wandeln oder Uns-Aufhalten in
der sexuellen Energie? Zweierlei: Zuerst, sie zu bewahren und zweitens, sie
zu kultivieren. Das ist die Quintessenz von Brahmacharya – die sexuelle
Energie zu bewahren und zu kultivieren.
Bisher haben wir in diesen Lektionen zu Tantra die grundlegenden Methoden
eingeführt, die für das Einleiten eines Prozesses der Transformation in
sexuellen Beziehungen genau für diesen Zweck – die sexuelle Energie zu
bewahren und zu kultivieren – nötig sind. Wir haben über Bhakti (Verlangen
nach dem etwas Mehr) als notwendige Voraussetzung für ein Gelingen, die
verschiedenen damit einhergehenden Herausforderungen und über die
göttlichen Konsequenzen der unternommenen Reise mit einer tantrisch
sexuellen Beziehung gesprochen. Das sind Dinge, die uns schon sehr weit
führen können.
Wir haben die enge Verzahnung einer tantrisch-sexuellen Beziehung mit den
in den Hauptlektionen eingehend erörterten Fortgeschrittenen Yoga-Übungen
erwähnt, dass beide Arten von Übungen dieselben Ziele haben und wie
tantrischer Sex die Meditation, Pranayama und unsere anderen täglichen
Yoga-Übungen ergänzen kann.
Wo passt da das Zölibat hinein? Dies ist eine Frage der freien
Entscheidung, eine Frage der Neigung, eine Frage des Lebensstils. Es
ergibt sich. Vielleicht unterwerfen wir uns einem Guru oder einer
Organisation und sie wählen das für uns aus. Vielleicht entschließen wir
uns selbst dazu. Vielleicht fühlen wir uns niemals dazu hingezogen. Was
immer davon zutrifft, ist gut. Es ist jedermanns/frau eigene Angelegenheit
den persönlichen Gefühlen diesbezüglich zu folgen.
Was ist Zölibat? Rein technisch gesprochen ist es die Enthaltsamkeit von Ehe
und sexuellen Beziehungen – Masturbation eingeschlossen. De fakto ist das
die Bewahrung der sexuellen Energie, obwohl vielleicht „Bewahrung“ nicht
das ist, was der zölibatär Lebende in seiner Vorstellung hat. Es gibt
andere Gründe für das Zölibat, die mehr darauf abzielen, negative
Begleiterscheinungen der Sexualität (Obsession, Ausschweifung, Verletzung)
fernzuhalten, als auf etwas
Positives, das damit verbunden ist (innere Ausweitung, göttliche Ekstase,
Erleuchtung) zuzugehen.
Zölibat ist nur die erste Hälfte von Brahmaacharya, aber nicht
notwendigerweise das Ganze, denn ohne die erforderliche Reinigung des
Nervensystems und der anschließenden Ermutigung der sexuellen Energie sich
in höheren Erscheinungsformen zu entfalten, gibt es keine Kultivierung,
der zweiten Hälfte von Brahmacharya. Dieses Konzept, dass das Zölibat nur
eine Hälfte von Brahmacharya darstellt, ist eine wichtige Feststellung.
Ohne die zweite Hälfte von Brahmacharya kann das Zölibat zu Stagnation und
zum Auftauchen von unausgeglichenem, zwanghaftem Verhalten führen –
besonders wenn es sich um ein erzwungenes „Zölibat“ handelt.
Obwohl also das Zölibat (Bewahrung) in die gleiche Richtung wie
Brahmacharya geht, ist es als spirituelle Praxis unvollständig, wenn nicht
die Aktivierung (Kultivierung) der sexuellen Energie zu einem höheren
Zweck dazukommt. Das ist natürlich das Ziel von tantrischem Sex.
Ironischerweise können diejenigen, die in ihren tantrischen
Sexualpraktiken gewissenhaft sind, bessere spirituelle Aussichten haben
als zölibatär Lebende, die ihre sitzenden Yoga-Praktiken und den ständig
liebendem Dienst an anderen für die Kultivierung der sexuellen Energie zu
höherwertigen Erscheinungsformen in ihrem Nervensystem nicht gewissenhaft
ausführen.
Ist das Zölibat ein besserer Weg zur Erleuchtung als eine tantrische
Sexualbeziehung? Wer kann das entscheiden? Es hängt davon ab, wie
motiviert ein Übender in dem einen oder anderen Lebensstil ist. Es ist das
Niveau von Bhakti im Übenden, welches das Ergebnis mehr als der jeweilige
Ansatz bestimmt. Ist Bhakti in Fülle vorhanden, wird sich das Nervensystem
auf die eine oder andere Weise weiter öffnen
Ob nun beim tantrisch Liebenden oder beim zölibatär Lebenden, die
Kernübungen der Meditation und Pranayama haben den größten Einfluss auf
das Maß von Bhakti, das in ihrem Nervensystem aufsteigt. Es ist die
täglich im Nervensystem ablaufende globale Reinigung, die bestimmt, wie
viel innere Stille verfügbar ist. Dies ist reines
Glückseligkeitsbewusstsein, unsere Quelle, unsere tiefste göttliche
Eigenschaft, die in uns aufsteigt. Haben wir das, ob wir dann dazu neigen
ein tantrischer Liebhaber zu sein oder zölibatär zu leben, wir werden
ständig nach demselben Ziel hungern – der göttlichen Vereinigung. Was
immer der von uns gewählte Lebensstil aussehen mag, wir werden die Elemente
von Brahmacharya – Bewahrung und Kultivierung unserer sexuellen Energie –
ganz natürlich auf unserer Fahrt auf der inneren Schnellstraße zum Himmel
aufnehmen.
Der Guru ist in Dir.
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