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Es ist schon eine Weile her, dass wir uns das letzte Mal eine neue Übung vorgenommen haben. Genau genommen ist Navi Kriya auch gar nicht mal so ganz neu, weil es in Wirklichkeit eine dynamische Erweiterung mehrerer Mudras und Bandhas ist, die wir bereits von früheren Lektionen her kennen.

Bei den Fortgeschrittenen Yoga Übungen haben wir nun eine Stufe erreicht, auf der wir die Methoden, Übungen und Sichtweisen für den spirituellen Fortschritt heranziehen wollen, über die wir zuvor nur wenig gesagt haben. Über diese Yoga-Aspekte sind wir bisher hinweggegangen, weil wir sie entweder nicht für die wichtigen Ursachen oder Datenquellen für den allgemeinen Prozess der menschlichen spirituellen Entwicklung hielten oder, weil sie derart kraftvolle Stimulatoren sind, dass wir sie erst später thematisieren wollten. Navi Kriya gehört zu der Gruppe der „kraftvollen Stimulatoren, die man besser erst später an Bord nimmt“. Inzwischen sind wir beim „später“ angelangt und so wollen wir uns diese Technik ansehen.

Navi bedeutet „Nabel“ wie bei Bauchnabel. Interessanterweise bedeutet es auch „Boot“ und daher kommt auch das englische Wort „Navy“ (Marine, Kriegsflotte). Im Yoga haben beide Bedeutungen ihren Platz: 1. Eine Übung, bei der der Nabel eine Rolle spielt. 2. Ein Boot, das uns über den großen See der Unwissenheit zur Erleuchtung bringt.

Gut, wir alle würden gerne in diesem Boot sein und gewissenhaft angewandte Yoga-Übungen sind der Weg, dahinein zu gelangen. Navi Kriya ist nach allgemeiner Einschätzung eine mentale Übung und von daher stammt auch der drollige Ausdruck „Kontemplation über deinen Nabel“. In der Tat kann dies so gemacht werden und wird auch so gemacht und auch zusammen mit Mantren. Doch dies ist nicht das, was wir hier bei den Fortgeschrittenen Yoga Übungen behandeln. Wir führen bereits eine hochklassige Mantra Übung im Rahmen der tiefen Meditation aus und wir werden diesen wichtigen Bestandteil unserer Praxisroutine nicht verkomplizieren (oder verwässern).

Die Navi-Kriya-Übung, die wir hier erörtern, beginnt als überwiegend körperliche Übung und geht dann allmählich nach innen. Sie gehört zur Klasse der gängigen Mudras und Bandhas, wobei sie diese (buchstäblich) aber viel höher nimmt. Und dies „höher nehmen“ ist das, wodurch Navi-Kriya zu sehr viel zusätzlicher Energie und auch zu etwas zusätzlichem Risiko führt. Wir wollen zuerst über die Übung sprechen und danach einen Blick auf das Risiko werfen.

Man kann sich Navi Kriya einfach als eine dynamische Form von Uddiyana (das Heben des Bauches) vorstellen. Du wirst dich daran erinnern, dass Uddiyana ein Einziehen und nach oben Heben des Bauches ist, wobei man dazu das Zwerchfell nutzt (gewöhnlicherweise, wenn die Luft aus den Lungen ausgeworfen ist). Man kann Uddiyana aber auch mit vollen Lungen ausführen, wie wir dies bei Yoni Mudra Kumbhaka oder der Kinnpumpe tun. Zur Wiederholung von Uddiyana gehst du am besten die Lektionen 91 und 129 noch einmal durch.

Als Navi Kriya bezeichnet man den Prozess, durch den man das Heben des Bauches (Uddiyana Bandha) zwischen dem Nabel und dem Gebiet der inneren Wirbelsäule gleich hinter dem Solarplexus (von der Höhlung am unteren Rand bzw. dem Zentrum der Rippen bis ganz nach hinten) dynamisch macht. Das Zwerchfell befindet sich ebenfalls in diesem Gebiet. Man kann Navi Kriya also als ein wiederholtes Zurückziehen des Nabels in einem sanften rhythmischen Zyklus nach oben in Richtung Rückseite des Zwerchfells betrachten. Anfangs können wir dies mit leeren Lungen versuchen, also wie bei Uddiyana im Rahmen der Asanas. Später werden wir feststellen, dass wir Navi Kriya entweder mit leeren oder vollen Lungen eines inneren Kumbhaka oder sogar bei normaler Atmung durchführen können. Wann immer wir diese Übung durchführen, ist sie ein sanftes nach innen und oben Ziehen des Nabels mit dem Zwerchfell und dies immer wieder. Ein gutes Navi Kriya wird sich anfühlen, als ob alles gleich hinter unserem Herzen nach oben und noch weiter gehen würde.

Wie oft führen wir in einer Sitzung Navi Kriya aus? Anfangs nicht recht oft. Navi Kriya ist ein kraftvoller Kundalini-Stimulator, besonders, wenn Einzelheiten dazukommen, über die wir noch sprechen müssen. Geh also ganz locker an das alles heran, wenn du anfängst – vielleicht 10 – 20 Zyklen, jeder ein oder zwei Sekunden lang.

Es gibt aber noch mehr.

Bei jedem Nach-innen-Heben des Nabels bei Navi Kriya können wir den After-Schließmuskel sanft anspannen und heben – d.h. Mulabandha bzw. Asvini ausführen. Nach ein bisschen Übung werden wir feststellen, dass die beiden Bewegungen in der Bauch- und Beckenregion Teil desselben Hebevorgangs nach oben durch die Mitte ist.

Zu jedem Heben von Navi-Kriya können wir außerdem noch ein sanftes „Beugen“ (Runzeln) von Sambhavi (mit beiden Augen und der Mitte der Stirn) hinzunehmen. Kechari kann natürlich ebenfalls ein Bestandteil jeder Übungsstufe sein. Man wird feststellen, dass dies neurologisch alles Teil derselben Bewegung ist, die wir mit dem Nabel anstoßen. Voraussetzung hierbei ist allerdings, dass wir bereits etwas ekstatische Leitfähigkeit besitzen.

Schließlich können wir noch mit unserer Aufmerksamkeit der Energie nach oben und unten im Wirbelsäulennerv zwischen der Stirn und der Wurzel nachspüren, ganz ähnlich, wie wir dies in der Wirbelsäulenatmung tun. Tatsächlich kann man Navi-Kriya auch während der Wirbelsäulenatmung auf genau die gleiche Weise sehr fein, unsichtbar, mit der leichtesten Absicht und einer Vielzahl winziger Hebungen auf dem Weg das Rückgrat nach oben und einer Vielzahl winziger Hebungen auf dem Weg die Wirbelsäule nach unten machen. Diese subtile Absicht von Navi Kriya ist in Wirklichkeit das Aufkommen des Ganzkörper-Muderas, das wir in früheren Lektionen erörtert haben (Lektionen 143 und 212). Navi-Kriya fördert das Ganzkörper-Mudra, indem es vom Zentrum herausarbeitet. Deshalb wird es „mittlerer Weg“ genannt.

Wie bzw. wo passt man Navi Kriya am besten in die Übungen ein? Dies ist eine gute Frage. Wir können es in unsere Uddiyana-Praxis während der Asanas einbauen. Wir können es ebenfalls in die Wirbelsäulenatmung integrieren (viel subtiler). Es kann auch ein Teil von Yoni Mudra oder der Kinnpumpe sein. Es kann ebenfalls etwas sein, das wir am Ende unserer Routine machen, während wir uns hinlegen und uns ausruhen. Navi Kriya ist ein Weg, dem Ganzkörper-Mudra zum Durchbruch zu verhelfen. Anfangs sind dies große Bewegungen, die später zu nicht mehr wahrnehmbaren, den gesamten Körper umfassenden Mikrobewegungen in unserem Nervensystem werden. Im fortgeschrittenen Stadium ist es kaum noch eine Absicht, ähnlich dem neuronalen Energiefluss durch uns in diesem Augenblick, den wir nicht groß bemerken. Doch der Fluss neuronaler Energie (Prana) ist ursächlich dafür verantwortlich, wie wir unsere Existenz erfahren – innerlich wie äußerlich. Tritt das Ganzkörper-Mudra einmal spontan auf, werden auch unsere täglichen Erfahrungen ganz spontan zu einer ekstatischen Ausstrahlung. Dies ist die ekstatische Komponente des Erleuchtungsquerschnitts, wie er in diesen Lektionen bereits oft beschrieben wurde – unerschütterliche innere Stille, ekstatische Glückseligkeit und ausfließende göttliche Liebe.

Wir wollen uns nun auch noch etwas über die Risiken unterhalten. Die Gesundheitsrisiken beim Navi-Kriya sind dieselben, auf die wir schon in den Lektionen zu Yoni Mudra Kumbhaka (Lektion 91) und in anderen Übungen, bei denen Atemrückhaltung und die Betätigung innerer Organe eine Rolle spielen, hingewiesen haben. Falls bei dir Bluthochdruck, Herzprobleme, Probleme mit den Bauchorganen oder irgendwelche andere Zweifel über deine Eignung für Navi Kriya vorliegen, dann frage bitte deinen Arzt um Rat.

Betrachten wir noch die Risiken bei den inneren Energien (Kundalini): Falls wir gleich von 0 auf 100 beschleunigen und Navi Kriya mit Begeisterung während Uddiyana bei den Asanas, bei der Wirbelsäulenatmung, bei Yoni Mudra, der Kinnpumpe und anderen Teilen unserer Übung einsetzen und vorausgesetzt, bei uns ist bereits einige ekstatische Energie vorhanden, wird dies sehr wahrscheinlich zu inneren Energieexzessen führen. Jemand in den FYÜ-Foren hat vor Kurzem den Ausdruck „einen Sonnenbrand von innen bekommen“ benutzt. Das ist genau das, zu was Navi Kriya führen wird, falls wir die Übung zu stark anwenden. Auch einige emotionale Ungleichgewichte können das Ergebnis sein – alles, was bei Kundalini-Exzessen eben auftreten kann, du weißt schon. Sei also bitte bei Navi Kriya sehr vorsichtig. Falls bei dir bereits eine Tendenz zu Energieungleichgewichten besteht, wird Navi Kriya diese wahrscheinlich noch verstärken. Andererseits wird Navi Kriya für diejenigen, die danach streben, eine stabile ekstatische Leitfähigkeit noch auszuweiten, genau das Richtige sein. Es ist also sehr wichtig, dass du darüber Bescheid weißt, wo du dich bei deiner Energieentfaltung befindest, wenn du daran denkst, Navi-Kriya einzusetzen. Bist du dir nicht sicher, dann tue lieber zu wenig als zu viel. Vielleicht machst du etwas beim Uddiyana während der Asanas. Dann beobachtest du erst, wie das wirkt, bevor du daran denkst, damit in einer längeren Übung wie Wirbelsäulenatmung oder einer intensiveren Übung wie Yoni Mudra Kumbhaka oder der Kinnpumpe zu experimentieren.

Es gibt auch innerhalb der Navi Kriya Übung verschiedene Intensitätsstufen – sehr schwache körperliche Bewegung gegenüber sehr viel körperlicher Bewegung, wobei das Letztere die größere Stimulation bedeutet. Und natürlich wird die Wirkung sehr stark von der Anzahl der Zyklen abhängen. Bleibe aber immer maßvoll in allem, was du mit Navi Kriya tust. So kannst du je nach Bedarf bei der Übung Anpassungen vornehmen.

Merkst du, dass du eine Linie zu übermäßigem inneren Energiefluss überschreitest, hörst du einfach für mindestens ein paar Tage ganz damit auf, Navi Kriya einzusetzen. Vielleicht merkst du, dass du auch mit einigen deiner anderen Übungen für eine Weile pausieren musst, damit du wieder zu einem stabilen Praxisniveau zurückfinden kannst. Es ist sehr wichtig, dass man die feinen Nuancen der Selbstabstimmung verstanden hat, bevor man Navi Kriya angeht. Auf jeden Fall ist eine gute Selbstabstimmung nötig, um vorbereitet zu sein. Und es ist auch wahrscheinlich, dass du das eindeutige Aufkommen der ekstatischen Leitfähigkeit in deinem Nervensystem mit Navi Kriya ebenfalls sehr stark beschleunigen kannst. Doch nur, wenn du vorbereitet bist und mit den Wirkungen umgehen kannst. Es ist also etwas zweischneidig.

Die Stimulation der Kundalini-Energie, die Navi Kriya erzeugt, ist vergleichbar mit der Stimulation, die mit Übungen an der Krone einhergeht – nur erholt man sich viel schneller davon, wenn das Zuviel durch Navi Kriya hervorgerufen wurde. Die Regeneration von einer vorzeitigen Kronenöffnung kann viel länger dauern – im Extremfall Jahre! Du erinnerst dich, was wir bei FYÜ zur Problematik der Übungen an der Krone sagen: Am besten machst du einen Bogen um sie herum, bis du auf dem Weg weit vorangekommen bist, und prüfe dann sorgfältig (Lektion 199). Ähnlich ist dies mit Navi Kriya, nur ist das Risiko sehr viel geringer, als wenn man eine Übung an der Krone macht. Achte auf jeden Fall darauf, dass du mit all den Übungen, die wir bisher erörtert haben, gut vertraut bist, bevor du Navi Kriya in Betracht ziehst. Dann teste vorsichtig aus, ob diese kraftvolle Methode schrittweise in deine Übungen mit einbezogen werden kann. Wenn du dazu bereit bist, kannst du das machen und bald wirst du die feinen Ganzkörperbewegungen als natürliche ekstatische Erscheinung während deiner täglichen Aktivitäten bemerken, ohne dass damit irgendwelche innere Energieungleichgewichte verbunden sind – einfach nicht endende innere Ekstase. Und falls du dafür noch nicht bereit bist, wirst du dies bald genug bemerken. Dann kümmere dich einfach nicht mehr darum, bis einige Zeit vergangen ist. Es liegt hier für den Fall bereit, dass du es wirklich brauchst.

Falls jemand Navi Kriya ausprobiert, der erst mit Yoga beginnt, geschieht vielleicht nicht viel. Gebe dich da aber keinen Illusionen hin und meine nicht, du könntest dann hemmungslos drauf losüben. Versuchst du mit Navi Kriya Energie-Blockaden zu brechen, dann bist du auf dem besten Weg, Schwierigkeiten zu bekommen. Sobald da nur etwas ekstatische Leitfähigkeit im Nervensystem vorhanden ist, wird Navi Kriya diese sehr kraftvoll ausweiten. Ist noch keine ekstatische Leitfähigkeit vorhanden, kann es scheinen, dass Navi Kriya nicht viel bewirkt. Das ist dann vergleichbar damit, dass man mit leerem Tank in einem schnellen Rennwagen sitzt. Sobald aber nur etwas Benzin nachgefüllt wird (etwas ekstatische Leitfähigkeit kommt im Nervensystem auf) wird der Wagen bereit sein loszudonnern. Drücken wir dann das Gaspedal nach unten bis zum Anschlag, wird man einen Spachtel brauchen, uns vom Fahrbahnbelag zu kratzen. Wir sollten uns also deutlich bewusst sein, was wir tun, wenn wir uns mit Navi Kriya beschäftigen. Am sichersten ist es, wenn wir gut in tiefer Meditation, der Wirbelsäulenatmung, Samyama, Mudras und Bandhas usw. verankert sind – alles eben, mit was wir uns bisher beschäftigt haben. Haben wir dies alles langsam aufgebaut, werden wir über eine gute innere Stille verfügen und sehr wahrscheinlich auch über eine erste ekstatische Leitfähigkeit – sehr sicher und sehr stabil. Dann können wir langsam damit beginnen, etwas Navi Kriya einzusetzen … so in der Art. Das hängt alles vom Übenden ab. Navi Kriya braucht für eine erfolgreiche Anwendung sehr viel mehr Fertigkeit als die meisten FYÜ-Übungen. Man kann damit nicht wie mit einem Kochrezept umgehen. Das ist auch ein Grund, warum wir damit so lange hinter dem Berg gehalten haben. Trotzdem kann es für uns sehr nützlich sein. Es steht dir jetzt also zur Verfügung.

Man könnte noch die Frage stellen: „Welche Beziehung besteht zwischen Navi Kriya und Nauli?“

Nauli (was so viel wie „durchrühren“ bedeutet) ist ein enger Verwandter von Uddiyana und Navi Kriya. Der Unterschied ist der, dass Nauli auf die Reinigung und die ekstatische Aktivierung durch Prozesse im Verdauungstrakt abzielt, was auch ein wichtiges Element im allgemeinen Anstieg der spirituellen Neurobiologie im ganzen Körper ist. Nauli ist Teil der „Shatkarmas“ oder Reinigungstechniken. Diese werden wir in späteren Lektionen noch erörtern. Uddiyana und Navi Kriya sind im Körper mehr vertikal ausgerichtet und wirken sich besonders auf den Wirbelsäulennerv aus, der sich von der Wurzel zum dritten Auge erstreckt. Uddiyana bedeutet „hochfliegen“. Bei Navi Kriya geht es um ein viel höheres Fliegen und der Integration von oberen und unteren Körper-Mudras und Bandhas in ein einziges Ganzkörper-Mudra. Die Ergebnisse dieses Hochfliegens innerer Energie wird man in jedem Aspekt der eigenen Praxis und im täglichen Leben fühlen.

Übe mit Bedacht und habe Vergnügen dabei!

Der Guru ist in dir.