Nun schneiden wir ein wirkliches Tabuthema an und bringen es mit der Erörterung zu Tantra in Verbindung. Heutzutage ist dies ein größeres Tabuthema als Sex. Die Rede ist vom „Zölibat“.

Lauf nicht gleich schreiend zur Tür hinaus! Das Zölibat wird hier keiner empfohlenen Praxis. Es wird aber auch nicht ausgebuht. Wir wollen nur verstehen, wie es sich hier einpasst, weil sich einige Leute von Natur aus da hingezogen fühlen. Andere mögen dazu gezwungen werden – durch eigene Willensentscheidung oder den Willen anderer.

Aber bevor wir uns das Zölibat näher ansehen, sollten wir über „Brahmacharya“ sprechen, weil „Brahmacharya“ der Schlüssel zu den spirituellen Implikationen sowohl von Sex als auch Zölibat und zu dem, was beide gemeinsam haben, ist. Sie haben mehr Gemeinsamkeiten, als allgemein angenommen wird.

Brahmacharya bedeutet: in der kreativen Kraft Gottes (was mit der sexuellen Energie in uns gleichzusetzen ist) zu wandeln oder sich darin beständig aufzuhalten. Was meinen wir mit Wandeln oder Uns-Aufhalten in der sexuellen Energie? Zweierlei: Zuerst, sie zu bewahren und zweitens, sie zu kultivieren. Dies ist die Quintessenz von Brahmacharya – die sexuelle Energie zu bewahren und zu kultivieren.

Bisher haben wir in diesen Lektionen zu Tantra die grundlegenden Methoden eingeführt, die für das Einleiten eines Prozesses der Transformation in sexuellen Beziehungen genau für diesen Zweck – die sexuelle Energie zu bewahren und zu kultivieren – nötig sind. Wir haben über Bhakti (Verlangen nach dem etwas Mehr) als notwendige Voraussetzung für ein Gelingen, die verschiedenen damit einhergehenden Herausforderungen und über die göttlichen Konsequenzen der unternommenen Reise mit einer tantrisch-sexuellen Beziehung gesprochen. Das sind Dinge, die uns schon sehr weit führen können.

Wir haben die enge Verzahnung einer tantrisch-sexuellen Beziehung mit den in den Haupt-Lektionen eingehend erörterten fortgeschrittenen Yoga-Übungen erwähnt; dass beide Arten von Übungen dieselben Ziele haben und wie tantrischer Sex die Meditation, Pranayama und unsere anderen täglichen Yoga-Übungen ergänzen kann.

Wo passt da das Zölibat hinein? Dies ist eine Frage der freien Entscheidung, eine Frage der Neigung, eine Frage des Lebensstils. Es ergibt sich. Vielleicht unterwerfen wir uns einem Guru oder einer Organisation und sie wählen das für uns aus. Vielleicht entschließen wir uns selbst dazu. Vielleicht fühlen wir uns niemals dazu hingezogen. Was immer davon zutrifft, ist gut. Es ist jedermanns/frau eigene Angelegenheit, den persönlichen Gefühlen diesbezüglich zu folgen.

Was ist Zölibat? Rein technisch gesprochen ist es die Enthaltsamkeit von Ehe und sexuellen Beziehungen – Masturbation eingeschlossen. De facto ist das die Bewahrung der sexuellen Energie, obwohl vielleicht „Bewahrung“ nicht das ist, was der zölibatär Lebende in seiner Vorstellung hat. Es gibt andere Gründe für das Zölibat, die mehr darauf abzielen, negative Begleiterscheinungen der Sexualität (Obsession, Ausschweifung, Verletzung) fernzuhalten, als auf etwas Positives, das damit verbunden ist (innere Ausweitung, göttliche Ekstase, Erleuchtung) zuzugehen.

Zölibat ist nur die erste Hälfte von Brahmacharya, aber nicht notwendigerweise das Ganze, denn ohne die erforderliche Reinigung des Nervensystems und der anschließenden Ermutigung der sexuellen Energie, sich in höheren Erscheinungsformen zu entfalten, gibt es keine Kultivierung, der zweiten Hälfte von Brahmacharya. Dieses Konzept, dass das Zölibat nur eine Hälfte von Brahmacharya darstellt, ist eine wichtige Feststellung. Ohne die zweite Hälfte von Brahmacharya kann das Zölibat zu Stagnation und zum Auftauchen von unausgeglichenem, zwanghaftem Verhalten führen – besonders wenn es sich um ein erzwungenes „Zölibat“ handelt.

Obwohl also das Zölibat (Bewahrung) in die gleiche Richtung wie Brahmacharya geht, ist es als spirituelle Praxis unvollständig, wenn nicht die Aktivierung (Kultivierung) der sexuellen Energie zu einem höheren Zweck dazukommt. Das ist natürlich das Ziel von tantrischem Sex. Ironischerweise können diejenigen, die in ihren tantrischen Sexualpraktiken gewissenhaft sind, bessere spirituelle Aussichten haben als zölibatär Lebende, die ihre sitzenden Yoga-Praktiken und den ständig liebenden Dienst an anderen für die Kultivierung der sexuellen Energie zu höherwertigen Erscheinungsformen in ihrem Nervensystem nicht gewissenhaft ausführen.

Ist das Zölibat ein besserer Weg zur Erleuchtung als eine tantrische Sexualbeziehung? Wer kann das entscheiden? Es hängt davon ab, wie motiviert ein Übender in dem einen oder anderen Lebensstil ist. Es ist das Niveau von Bhakti im Übenden, das das Ergebnis mehr als der jeweilige Ansatz bestimmt. Ist Bhakti in Fülle vorhanden, wird sich das Nervensystem auf die eine oder andere Weise weiter öffnen.

Ob nun beim tantrisch Liebenden oder beim zölibatär Lebenden, die Kernübungen der Meditation und des Pranayama haben den größten Einfluss auf das Maß von Bhakti, das in ihrem Nervensystem aufsteigt. Es ist die täglich im Nervensystem ablaufende globale Reinigung, die bestimmt, wie viel innere Stille verfügbar ist. Dies ist reines Glückseligkeitsbewusstsein, unsere Quelle, unsere tiefste göttliche Eigenschaft, die in uns aufsteigt. Haben wir dies, ob wir dann dazu neigen ein tantrischer Liebhaber zu sein oder zölibatär zu leben, wir werden ständig nach demselben Ziel hungern – der göttlichen Vereinigung. Wie immer der von uns gewählte Lebensstil aussehen mag, wir werden die Elemente von Brahmacharya – Bewahrung und Kultivierung unserer sexuellen Energie – ganz natürlich auf unserer Fahrt auf der inneren Schnellstraße zum Himmel aufnehmen.

Der Guru ist in Dir.